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Service-Roboter in der Pflege Zwischen Hilfe und Entmündigung

| Autor: Julia Mutzbauer

Derzeit leben in Deutschland rund 3,5 Millionen Pflegebedürftige. Wegen des demografischen Wandels in Deutschland ist eine Besserung zudem nicht in Sicht. ImGegenteil: Die Zahlen werden in den kommenden Jahren weiter ansteigen. Gleichzeitig wollen aber immer weniger Menschen im Pflegebereich arbeiten. Dies stellt die Pflegeeinrichtungen vor große Herausforderungen. Nun besteht die Hoffung, dass Service-Roboter dafür einen Ausgleich schaffen. Welche Chancen und Risiken birgt der Einsatz?

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Der Einsatz von Service-Robotern in der Pflege bietet viele Chancen – aber auch Risiken
Der Einsatz von Service-Robotern in der Pflege bietet viele Chancen – aber auch Risiken
(© Andrey Popov)

Künftig sollen Serviceroboter es ermöglichen, dass pflegebedürftige Menschen länger selbstständig in ihrem vertrauten häuslichen Umfeld leben können. Zudem sollen sowohl pflegende Angehörige als auch Pflegekräfte im ambulanten und stationären Bereich bei körperlich anstrengenden oder auch zeitraubenden Arbeiten durch Robotiksysteme unterstützt werden.

Doch der Einsatz solcher Systeme wirft auch gänzlich neue ethische Fragestellungen auf. So erklärte der Deutsche Ethikrat: „Technische Systeme dürfen das Interaktionsgeschehen in der Pflege nicht ersetzen; sie sollen es ergänzen. Entscheidend dafür, in welcher Weise und in welchem Umfang technische Produkte– auch solche der Robotik – im Pflegeprozess zur Anwendung gelangen, muss das Wohl der auf Pflege oder Assistenz angewiesenen Menschen sein“.

Der Deutsche Ethikrat unterstreicht zudem, dass dem erhofften Nutzen erhebliche Bedenken gegenüberstehen: „Menschen mit Pflege- oder Assistenzbedarf könnten infolge des Einsatzes robotischer Techniken zukünftig weniger soziale und emotionale Unterstützung erfahren, eingeschränkt, getäuscht und infantilisiert werden. Professionelle Pflegekräfte sehen sich durch eine Veränderung ihres Berufsbildes hin zu weniger beziehungsorientierter Pflege bedroht“.

Caritas-Präsident Peter Neher unterstützt diese Aussage: „Die Stellungnahme des Deutschen Ethikrates zur Pflegerobotik bestärkt uns in unserer Überzeugung, dass konkrete Kriterien für den guten Einsatz von Robotern in der Pflege entwickelt werden müssen. Roboter können dann die Situation von pflegebedürftigen Menschen verbessern, wenn sie Zeit und Raum für menschliche Beziehungen eröffnen“.

Empfehlungen für den Einsatz

Mit dem Ziel, dass der Einsatz von Robotertechnik in der Pflege, den Patienten und dem Personal zugutekommt, empfiehtl der Deutsche Ethikrat folgende Maßnahmen:

Entwicklung und Implementierung von Robotik:

  • Bereits in frühe Phasen der Entwicklung von Techniken sollten ethische Über­legungen einfließen. Die Perspektive der auf Pflege oder Unterstützung angewiesenen Menschen wie auch der Pflegekräfte und möglicherweise weiterer Betroffener sollte in der Entwicklung von robotischen Systemen berücksichtigt werden. Aus diesem Grunde empfiehlt sich schon in der Entwicklungsphase ein partizipatives Vorgehen.
  • Herstellung und Einsatz robotischer Systeme im Umfeld von Menschen mit Pflege- oder Assistenzbedarf müssen hohen Sicherheitsstandards genügen. Ihre Einhaltung sollte durch präventive Maßnahmen (wie strenge Regelungen für Herstellung, Zulassung und Einsatz) und durch sichere Kompensation der Geschädigten bei dennoch eintretenden Schäden (zum Beispiel Gefährdungshaftung ohne Möglichkeit des Haftungsausschlusses, Beweislastregelungen, Versicherungsleistungen) sichergestellt werden. Der Gesetzgeber sollte die vorhandenen Regelungen (zum Beispiel im Medizinproduktegesetz und Haftungsrecht) überprüfen und anpassen, soweit sie hinter diesen Anforderungen zurückbleiben.
  • Anforderungen an die Sicherheit und Schutzmaßnahmen zur Vermeidung von Gefahren (wie die Notabschaltung) für die Nutzer von Robotiksystemen müssen an die Entwicklung der Robotertechnik angepasst, bei der Produktentwicklung berücksichtigt und ihre Einhaltung imBetrieb überprüft werden.
  • Einer Erosion von Verantwortung sollte bei der Entwicklung, Zulassung und dem Einsatz robotischer Techniken durch die Etablierung transparenter Verantwortungsstrukturen entgegengewirkt werden. Es sollte jederzeit klar sein, welche Institutionen und Personen die Verantwortung für den ordnungsgemäßen Gebrauch unterstützend herangezogener Roboter tragen.
  • Vor ihrer Aufnahme in die Regelversorgung muss hinreichende Evidenz dafür vorliegen, dass Anwendungen von Robotik die Pflegequalität tatsächlich verbessern.

Integration von Robotik in ein umfassendes Verständnis von guter Pflege:

  • Der Einsatz von Robotik in der Pflege ist an den Zielen guter Pflege und Assistenz auszurichten. Die Individualität der zu betreuenden Personen ist zu respektieren und zum Ausgangspunkt der Planung und Gewährung von Unterstützung zu machen. Dabei sind Kriterien des personenbezogenen Wohls zu berücksichtigen, insbesondere Selbstbestimmung, Identität, Relationalität, Privatheit, Intimität und Scham.
  • Die Vertragspartner der sozialen Pflegeversicherung sind aufgefordert, bei der ihnen obliegenden Weiterentwicklung der Pflegequalität dem Bereich der robotikgestützten Assistenz besondere Aufmerksamkeit zu widmen.
  • Die Finanzierung und der Einsatz von Robotik darf nicht dazu führen, dass in anderen Bereichen der Pflege die dort notwendigen Mittel gekürzt werden oder angemessene Anstrengungen zur Verbesserung der Lage von Pflege- und Assistenzberufen unterbleiben.
  • Pflegeleitlinien sollten Aussagen darüber enthalten, welche Segmente pflegerischen Tuns vollständig oder partiell technisch substituiert werden können und welche Pflegebereiche von Robotertechniken frei bleiben sollten, weil ansonsten zwischenmenschliche Begegnungen erschwert oder gefährdet werden.
  • Robotik sollte nicht lediglich in ihren Auswirkungen auf bestimmte Teile der Pflege, sondern in ihrer Bedeutung für die pflegerische Versorgung in ihrer Gesamtheit gesehen werden. Pflege ist wesentlich zwischenmenschliches Interaktionsgeschehen, das durch Technik nicht substituiert werden kann. Es ist wichtig, darauf zu achten, dass der Einsatz von Robotik soziale Kontakte nicht vermindert oder erschwert und Erfahrungen von Zuwendung und Empathie, die im Einzelfall eng an die Unterstützung durch pflegende Personen gebunden sein können, nicht beeinträchtigt.
  • Förderung von Robotik in der Pflege sollte nicht nur die Entwicklung neuer Techniken, sondern vor allem deren Integration und Nutzung in Pflegekontexten umfassen. Dabei sollten auch Effekte auf die Pflegequalität, Lebensqualität und Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Assistenz- oder Pflegebedarf untersucht werden.

Förderung der Partizipation von Pflegebedürftigen:

  • Robotische Assistenz-, Monitoring- und Begleitsysteme sollten von Pflegenden, deren Trägerorganisationen und den Pflegekassen nicht nur nach ihrem objektiven Nutzenpotenzial für die pflegerischen Abläufe beurteilt werden. Vielmehr ist immer auch der subjektive Nutzen für den auf Pflege oder Unterstützung angewiesenen Menschen sowie dessen individuelle Akzeptanz zu berücksichtigen.
  • Aktuell auf Pflege oder Assistenz angewiesene Menschen sollten dabei unterstützt werden, ihre persönlichen Präferenzen für bestimmte Formen der Pflege zu klären und dabei die Möglichkeiten und Grenzen robotischer Anwendungen zu bedenken. Entsprechend ist gemeinsam mit den Betroffenen zu reflektieren, welche Veränderungen sich im Einzelfall aus dem Einsatz von Robotik für die Lebenssituation im institutionellen oder häuslichen Kontext ergeben und inwieweit gegebenenfalls neue Gelegenheiten für die Verwirklichung individueller Werte und Ansprüche angeboten werden sollten.
  • Im Rahmen einer vorausschauenden und begleitenden Pflegeplanung sollte das Pflegekonzept erläutert und die mögliche Integration von Robotertechniken angesprochen werden. Dazu sollten entsprechende Informations- und Beratungsangebote vorgehalten werden.

Verantwortung von Pflegeeinrichtungen:

  • Pflegeeinrichtungen sollten bereits bei ihrer baulichen Planung, aber auch in ihren Leitbildern den möglichen Einsatz robotischer Techniken und deren Entwicklungsdynamik berücksichtigen. Die Träger von Pflegeeinrichtungen sollten bei Entscheidungen zur Integration von Robotertechnik in Pflegeprozesse darauf achten, die praktischen Erfahrungen der Pflegekräfte angemessen zu berücksichtigen.
  • Einrichtungen, die robotische Systeme in ihr Pflegeangebot implementiert haben, sind nicht nur verpflichtet, für die regelmäßige Wartung, Überprüfung und Aktualisierung der Roboter Sorge zu tragen, um die Gefahr möglicher Fehlfunktionen und damit einhergehender Gefährdungen sowohl der pflegebedürftigen Personen als auch der eigenen Mitarbeiter zu minimieren. Vielmehr sollten sie auch sicherstellen, dass weiterhin die pflegerische Indikation für den Einsatz der jeweiligen robotischen Technik vorliegt.

Ausbildung von Pflegekräften:

  • Die Curricula für Pflegeberufe sollten um den Bereich „neue Techniken in der Pflege“ unter Einschluss ihrer ethischen Implikationen ergänzt werden.
  • Angesichts der dynamischen Entwicklung auf dem Gebiet der Robotertechnik sollte Pflegekräften im Rahmen von Fort- und Weiterbildung die Möglichkeit geboten werden, einschlägiges Wissen zu erwerben, die Potenziale der Technik für die Entwicklung der Pflege zu reflektieren und sich die nötigen Kompetenzen zur Nutzung der für ihr Arbeitsfeld einschlägigen robotischen Systeme anzueignen.

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