eHealth in Deutschland Zwischen Fortschritt und Mangel

Von Eva Hornauer

Wir berichteten bereits über die Aussagen, die die Studie „eHealth Monitor 2021“ zum Stand der Digitalisierung im Gesundheitswesen trifft. Ende 2021 sprachen wir deshalb mit der Co-Herausgeberin der Studie, Laura Richter, über den Status quo und die Zukunft von eHealth in Deutschland.

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Laura Richter – Mit-Herausgeberin des eHealth Monitors 2021
Laura Richter – Mit-Herausgeberin des eHealth Monitors 2021
(© Britta Leuermann Photography)

Das Resümee des eHealth Monitors 2021 zum Stand der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens fiel weitestgehend ­positiv aus. In einigen Bereichen konnten Verbesserungen erzielt werden – in anderen herrscht Nachholbedarf. Um zu verstehen, was momentan gut läuft und wo nachgebessert werden kann, sprachen wir mit Laura Richter, der Mit-Herausgeberin der Studie.

Frau Richter, was soll der eHealth Monitor bewirken? An wen richtet sich die Studie?

Richter: Der eHealth Monitor richtet sich bewusst an eine sehr breite Leserschaft von Entscheidern – also etwa an Regulatoren, Kassen, Ärzte und Executives von Pharma- und Healthtech-Firmen.

Was wir damit erreichen wollen, ist zum einen, Transparenz zu schaffen, aber natürlich auch die verschiedenen Akteure dafür zu sensibilisieren, wo der Nachhol­bedarf besteht und wie sie dahingehend nachbessern können.

Was sind die größten Erkenntnisse, die Sie im Rahmen des eHealth Monitors 2021 feststellen konnten?

Richter: Wir haben ganz große Fortschritte gemacht. Deutschland hat seit 2019 sieben Gesetze auf den Weg gebracht, um das Thema eHealth voranzubringen. Ein großer Teil der niedergelassenen Ärzte ist mittlerweile an die Telematik­infrastruktur (TI) angeschlossen. Wir sind internationaler Vorreiter bei dem Thema „App auf Rezept“ – also DiGA.

Bei zwei Themen sehen wir allerdings noch großen Nachholbedarf. Das erste Thema ist die Infrastruktur. Hier geht es vor allem um die Kommunikation zwischen Ärzten und Krankenhäusern , die noch zu 95 Prozent auf dem Papier erfolgt. Das ist sogar noch ein Prozentpunkt mehr als im Vorjahr. Das ist wirklich bedenklich. Hier alle auf eine Infrastruktur zu bringen, wäre ein großer wichtiger Schritt, der getan werden muss.

Der zweite Schritt, der getan werden muss, betrifft das Thema Digital Health Literacy. Ungefähr 50 bis 60 Prozent aller Versicherten in Deutschland haben noch nichts von der elektronischen Patientenakte (ePA) beziehungsweise vom eRezept gehört, was ja beides zum Teil schon verfügbar ist. Das ist ­fatal – das eRezept soll ausgerollt werden, und die Leute wissen noch nicht einmal, was das ist!

Sie erwähnten gerade, dass die Kommunikation zwischen Ärzten und Krankenhäusern weitestgehend in Papierform erfolgt. Warum ist das so, und wie können wir das ändern?

Richter: Die Kommunikation zwischen Ärzten und Krankenhäusern bezieht sich hier in erster Linie auf Entlassbriefe. Wenn jemand aus dem Krankenhaus entlassen wird, erhält er einen Brief mit der Diagnose und der Empfehlung für die weiterführende Behandlung. Es gibt keine einheitliche Infrastruktur, an die sowohl der niedergelassene Arzt als auch das Krankenhaus angeschlossen sind, und über die diese Informationen kommuniziert werden können.

Hier kommt der gematik – und die gematik ist da auch dran – eine ganz zentrale Rolle zu. Es muss eine noch stärkere Basis geschaffen werden, damit Ärzte und Krankenhäuser so vernetzt sind, dass ich als Patientin dem Krankenhaus nur noch den Namen meines niedergelassenen Arztes nennen muss, und dann drückt der Krankenhausarzt auf einen Knopf, um meinen Entlassbrief zu übermitteln.

Sie sehen also vor allem auch die Politik und die gematik in der Rolle des Antreibers?

Richter: Es handelt sich hier eben um eine Infrastrukturfrage. Wenn ich mit jemandem digital kommunizieren soll, dann brauche ich auch die Möglichkeit dazu. Und die Möglichkeit heißt nicht, dass ich die eMail-Adresse raussuche und demjenigen denselben Brief, den ich eigentlich in Papierform geschickt hätte, als eMail versende. Stattdessen benötigen wir eine Infrastruktur, bei der ich den Arzt oder die Ärztin auswählen kann, dem oder der ich etwas schicken will und das so ganz einfach und vor allem sicher übermitteln kann.

Insofern sind Politik und gematik hier gefordert. Natürlich ist aber auch ein großer Teil der bevorstehenden Arbeit die Sensibilisierung der Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus und im niedergelassenen Bereich, damit diese die geschaffene Infrastruktur dann auch annehmen.

Als eines der größten Probleme wurde der Mangel an Information und Aufklärung über eHealth in der Bevölkerung identifiziert. Gibt es keine ­laufenden Informationskam­pagnen, oder wirken diese einfach nicht?

Richter: Das ist in der Tat eine spannende Frage. Es gibt tatsächlich viele Aufklärungskampagnen.

Aus meiner Sicht richten die sich aber zu oft an Menschen, die sich bereits für das Thema interessieren. Hier spielen meiner Meinung nach auch Ärzte eine wichtige Rolle. Denn am Ende vertrauen die meisten Patienten – berechtigterweise – bei dem Thema Gesundheit am ehesten ihrer Ärztin oder ihrem Arzt. Deswegen kommt ­ihnen da eine starke Rolle in der Nutzenaufklärung zu.

Müssten Ärzte dahingehen auch geschult werden? Für die meisten Ärzte sind diese Anwendungen ja auch etwas komplett Neues ...

Richter: Ja, auf jeden Fall! Das ist dann natürlich ein ganzer Rattenschwanz an Dingen, die passieren müssen. Man kann von der Ärzteschaft nicht verlangen, dass sie Aufklärungsarbeit zu einem Thema betreibt, mit dem sie sich selbst noch nicht richtig beschäftigen konnte. Aber ohne die Ärzte an Bord wird es schwierig, das Thema zu den Patienten zu bringen.

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Die Corona-Pandemie wird im eHealth Monitor als Katalysator für die Digitalisierung beschrieben. Gehen Sie davon aus, dass Digitalisierung im G­esundheitswesen auch nach C­orona einen ähnlichen Stellenwert bekleiden wird? Oder wird diese Entwicklung wieder einschlafen?

Richter: Einschlafen wird es ganz sicher nicht. Wird die Entwicklung so rasant bleiben? Wahrscheinlich auch nicht. Nur als kleines Beispiel: Wir haben eine Steigerung um den Faktor 900 bei Video­sprechstunden zwischen 2019 und 2020. Das heißt, wir verzeichnen einen Anstieg von ca. 3.000 auf ca. 2,7 Millionen Videosprechstunden. Das ist natürlich Wahnsinn. Diese Kurve werden wir so nicht aufrechterhalten.

Die Videosprechstunde wird aber auf jeden Fall ein wichtiger Bestandteil der Arzt-Patienten-Interaktion bleiben. Gerade für niederschwellige Themen, wie zum Beispiel ein Folgerezept.

Und dann gibt es ja auch noch andere Aspekte bei eHealth. Die Online-Sprechstunde ist ja nur ein Element davon. Andere Elemente sind die Nutzung von DiGA oder das Ausrollen einer ePA oder des eRezepts. Hier muss natürlich noch viel passieren. Hier sehe ich die Entwicklung, ehrlicherweise, auch relativ losgelöst von der Pandemie.

Im europäischen Vergleich schneidet Deutschland laut ­Ihrer Studie eher schlecht ab. Mit Blick auf unsere europäischen Nachbarn: Was können wir von Ländern wie Schweden und dem Vereinigten Königreich (UK) in Sachen eHealth lernen?

Richter: In der Tat sind viele Dinge in Deutschland noch nicht verfügbar oder werden gerade erst verfügbar. Wir sind hier auf einem ganz guten Weg, und im nächsten Jahr wird das schon deutlich besser aussehen.

Wir werden dann eine ePA haben, die dann auch einigermaßen etabliert ist. Das eRezept wird kommen. Beim Thema Telemedizin haben wir auch massiv aufgeholt. Und bei den DiGAs sind wir führend im internationalen Vergleich. Da orientieren sich auch viele andere Länder an Deutschland.

Wir können aber in der Tat noch einiges lernen, wenn wir uns zum Beispiel UK anschauen zu dem Thema „Remote Patient Monitoring“. Dabei wird ein Patient von seinem Arzt anhand seiner Vitalparameter betreut und „überwacht“. Diese Parameter gibt der Patient entweder selbst ein oder erfasst sie mit spezifischen Devices, z.B. Sensoren o.ä. Auf diese Weise muss er vielleicht nicht im Krankenhaus oder unter ständiger ärztlicher Überwachung bleiben.

Ein weiteres Thema ist die Integration der elektronischen Patientenakte in die Regelversorgung. Es ist ja eine Sache, ob es die ePA gibt und die andere Sache ist, wie sie genutzt wird. In Schweden ist die Nutzung selbstverständlich. In Deutschland sind wir davon noch weit entfernt.

Was halten Sie denn – im Hinblick auf die Entwicklung von eHealth – vom neuen Koalitionsvertrag?

Richter: Was mich gefreut hat, ist das dedizierte Kapitel oder Sub­kapitel zu dem Thema Digitalisierung. Was mich ebenso zuversichtlich stimmt, ist, dass die ePA massiv gefördert werden soll, dass es anstatt eines freiwilligen Opt-In- ein Opt-Out-Modell gibt.

Das bedeutet, dass sich die ePA schneller und stärker verbreiten wird, als das bisher der Fall war. Es bleibt aber abzuwarten, wie ­dies in Zukunft genau ausgestaltet wird. Auch für die Pflege wurden einige Aussagen getätigt, was man vielleicht in Richtung Ausweitung der DiGA auf die digitalen Pflegeanwendungen (DiPA) interpretieren kann, auch wenn das so nicht explizit im Koalitionsvertrag steht.

Was sind denn die Vorteile – und vielleicht auch die Nachteile – von eHealth?

Richter: Für den eHealth Monitor haben wir uns die komplette Studienlage angeschaut und sehen einige große Vorteile, bei denen sich die Wissenschaft auch einig ist. Der erste und wichtigste Vorteil ist die Verbesserung der Outcomes für den Patienten, denn um den Patienten geht es am Ende. Der Patient ist der wichtigste ­Stakeholder im Gesundheitswesen. 80 Prozent der im Rahmen des eHealth Monitors betrachteten Studien haben den Nutzen von eHealth-Lösungen für den Patienten nachgewiesen.

Ein weiterer Vorteil ist die Reduktion des Zeitaufwands für Ärzte und Pflegende – was natürlich in der momentanen Situation besonders mit Blick auf die enorme Belastung des Gesundheitssystems wichtig ist.

Wenn wir uns die „Nachteile“ von eHealth anschauen, befürchten einige Ärzte – leider – eine Verschlechterung der Arzt-Patienten-Beziehung durch die Digitalisierung. Ich erwarte allerdings, dass das die Arzt-Patienten-Beziehung verstärken wird, weil man dadurch noch andere Kanäle hat, über die man miteinander interagieren kann. Die Digitalisierung soll am Ende ja nicht die persönliche Arzt-Patienten-Interaktion ersetzen, sondern diese, da wo sinnvoll, ergänzen.

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