Symptomatik, Diagnostik, Medikation Wenn Ärzte googeln

Autor / Redakteur: Nicole Reinhold* / Susanne Ehneß

Obwohl Dr. Google in medizinischen Fachkreisen keinen guten Ruf hat, recherchieren auch Ärzte im Internet. Wie gehen sie mit dem dort erworbenen Wissen um? Nicole Reinhold von Cocomore erläutert in ihrem Gastbeitrag, welche Informationen Ärzte nutzen und wie ein entsprechend sinnvolles digitales Angebot für Ärzte aussieht.

Pharmaunternehmen können ihr digitales Informationsangebot in Bezug auf die Wünsche und Anforderungen von Ärzten verbessern
Pharmaunternehmen können ihr digitales Informationsangebot in Bezug auf die Wünsche und Anforderungen von Ärzten verbessern
(© sebra - stock.adobe.com)

Ungeachtet dessen, dass wir alle täglich im Netz Informationen mit Hilfe von Suchmaschinen aufspüren und sondieren, haben Menschen immer noch große Vorbehalte, wenn es darum geht medizinische Themen zu googeln. Zu Recht, denn wie eine australische Studie der Edith Cowan University im Mai 2020 festgestellt hat, führt das Googeln von Symptomen nur in einem Drittel aller Fälle zu wirklich brauchbaren Ergebnissen. Dennoch: Wir alle googeln, weil es so einfach ist und schnell geht. Wie in so vielen anderen Lebensbereichen ist für uns als interessierte Betroffene hier die „Convenience“ ausschlaggebend.

Tabu für Ärzte?

Bequem Informationen im Internet zu recherchieren, steht auch bei Ärzten hoch im Kurs. Schließlich ist Dr. Google nur einen Klick entfernt, wenn es darum geht, schnell noch die Symptome zu einem seltenen Krankheitsbild aufzufrischen oder nach Differenzialdiagnostik zu suchen.

Doch wenn die Suchmaschinen für medizinische Lösungen schon für Patienten keinen guten Ruf genießen, sollte sie dann nicht ein Tabu für Ärzte sein? Ein wesentlicher Vorteil von Ärzten gegenüber Patienten ist hier sicherlich, dass sie die gefundenen Informationen und Quellen durch ihr Fachwissen adäquat in einen medizinischen Kontext einordnen können und dadurch zu relevanteren Ergebnissen kommen.

Studie zum Surfverhalten von Ärzten

Um relevante Informationen für Mediziner bereitstellen zu können, gilt es, zunächst einmal zu wissen, was Ärzte überhaupt googeln, wie sie mit den Suchergebnissen umgehen und was sie sich an qualitativen Netzinformationen wünschen. Aus diesem Grund haben wir im Rahmen zahlreicher, digitaler und pharmazeutischer Projekte immer wieder mit Ärzten aus den unterschiedlichsten Fachdisziplinen gesprochen und im Wesentlichen drei Suchanlässe identifizieren können:

Ärzte lassen sich von Google bei Diagnostik und Medikation unterstützen
Ärzte lassen sich von Google bei Diagnostik und Medikation unterstützen
(© Cocomore)

Zunächst einmal wurde klar, warum Ärzte überhaupt via Google nach medizinischen Informationen suchen: Sie recherchieren ad hoc nach Details, wie beispielsweise zu Nebenwirkungen eines verordneten Medikamentes oder zu Selbsthilfegruppen. Es geht ihnen darum, alle Patientenfragen schnell und präzise während der Sprechzeiten beantworten zu können. Auch suchen Ärzte nach weiteren Hinweisen rund um die Symptome des Patienten, um einen Verdacht oder eine Hypothese zu erhärten oder wieder fallen zu lassen. Dazu kommt, dass Ärzte Wissenslücken aus anderen Fachbereichen schließen, um ihren Patienten optimal helfen zu können.

Unterstützung

Ärzten geht es beim Googeln also nicht darum, eine fertige Diagnose für ihre Patienten über das Internet zu erhalten. Vielmehr suchen sie nach einer pragmatischen, digitalen Stütze für ihren turbulenten Praxisalltag.

So lässt sich auch erklären, warum beispielsweise Wikipedia sehr beliebt bei Ärzten ist. Zwar ersetzt die Plattform nicht das profunde Wissen aus Fachartikeln, bietet aber die Möglichkeit, schnell einen vermeintlich neutralen Überblick über eine Erkrankung zu bekommen, neue Fachbegriffe aufzugreifen und weitere Quellen angezeigt zu bekommen.

Sieben Anforderungen von Ärzten an Materialien

Die Anforderungen von niedergelassenen Ärzten an Informationsmaterial sind sehr konkret. Demnach sollten digitale Informationen folgendes bieten:

  • Praxisrelevanz – Ableitung für den Praxisalltag konkret benennen
  • Anwendungsorientierung – Die Informationen müssen konkrete Handlungsempfehlungen aufzeigen
  • Kondensierung – Möglichkeit des Querlesens in einem kurzen Zeitfenster
  • Visualisierung – Bilder und Visualisierungen, damit die Ärzte Informationen schnell aufnehmen und verinnerlichen können
  • Verwaltung/Vergütung – Es gilt aufzuzeigen, was bzw. wie etwas abgerechnet werden kann
  • Unabhängigkeit – Ärzte möchten auf unterschiedliche Informationsquellen ohne Passwort zurückgreifen
  • Information – Ärzte wollen nicht beworben oder gar belehrt werden

Chance für Pharmaunternehmen

Wenn es darum geht, Ärzte bei ihrer digitalen Suche zu unterstützen, verschenken Hersteller und Marken aus dem Healthcare-Segment viel Potenzial. Dabei könnten gerade Pharmaunternehmen ihr digitales Informationsangebot in Bezug auf die Wünsche und Anforderungen von Ärzten problemlos verbessern.

Ein erster Schritt wäre, nicht zu sehr auf die eigenen CRM-Programme, Newsletter und Branding-Aktivitäten zu fokussieren, denn diese kommen bei Medizinern weniger gut an. Sie wollen sich nicht binden, sondern suchen nach neutralen, digitalen Serviceangeboten. Geht es ihnen doch darum, Orientierung und Informationen über ein bestimmtes Krankheitsbild schnell und bündig zu bekommen, um dann das weitere Vorgehen (Überweisung, Anamnese, Untersuchung etc.) zu planen.

Digitale Services für Ärzte

Um gute digitale Services für Ärzte zu entwickeln, ist es sinnvoll, sich die gesamte Patienten-Journey genau anzusehen und für jedes Stadium zu überlegen, welche Angebote oder Informationen hier für den Arzt hilfreich sein könnten. Die Services müssen so gestaltet sein, dass Ärzte schnell einen möglichst visuellen Überblick erhalten und damit in ihren Praxisalltag interagieren können. So helfen zum Beispiel Konfiguratoren, die je nach Stadium und Patiententypus ihre Informationen anpassen, Ärzten dabei, ihr medizinisches Fachwissen für ihren konkreten Patientenfall zu kontextualisieren.

Sinnvolle digitale Dienste schließen die Lücke zwischen medizinischer Fachliteratur, Wikipedia, Foren und fachspezifischen Webseiten. Pharmazeutische Unternehmen können dabei als seriöse Informations-dienstleister im Netz auftreten, denn schließlich bieten sie einen entscheidenden Vorteil: Für ihre Angebote gibt es zumindest rudimentäre Reglementierung, und sie sind rechtlich verantwortlich für ihre Inhalte.

Mit der Bereitstellung folgender Informationen und Services könnten Pharmaunternehmen bei den Medizinern punkten – und sich gleichzeitig als unverzichtbare Partner für googelnde Ärzte positionieren:

  • Interaktive Anamnesekonfiguratoren: personalisierte Ergebnisse je nach Eingabe der Patienteneckdaten
  • Visuelle Grafiken und Tools, um medizinisches Wissen abrufbar und anwendbar zu gestalten
  • Kasuistiken: Übersetzen des theoretischen medizinischen Fachwissens in anschauliche Kasuistiken
  • Verdachtsdiagnose: Vorgehen Schritt für Schritt aufzeigen
  • Differenzialdiagnostik: als Prozess mit Entscheidungsbaum veranschaulichen
  • Medizinische Symptomatik übersetzen in die Patientenperspektive
  • Selbsthilfe: miteinbeziehen bzw. verlinken von Selbsthilfe-Gruppen und deren Aktivitäten

Die Autorin: Nicole Reinhold
Die Autorin: Nicole Reinhold
(© Cocomore)

Fazit

Pharmazeutische Unternehmen sollten sich an den Bedürfnissen der Ärzte orientieren, um ihre digitalen Services zu gestalten. Es gilt, eine offene Debatte darüber zu führen, welche Inhalte im Netz wirklich sinnvoll sind und wie diese von Ärzten am besten genutzt werden können. Nur so kann das Tabu rund um Dr. Google gebrochen werden und digitale Services seitens der Pharma- und Healthcare-Unternehmen entwickelt werden, die an den Bedürfnissen der Ärzte anschließen, aber genauso vor der Gefahr von digitaler Fehlinformation schützen.

*Die Autorin: Nicole Reinhold ist Senior Service Designerin bei der Digitalagentur Cocomore.

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