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Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen

Verband fordert Datennutzungskonzepte

| Autor: Manfred Klein

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen findet derzeit mit ganz unterschiedlichen Geschwindigkeiten statt. Während die einen noch Sturm gegen die Telematikinfrastruktur laufen, setzen die anderen schon auf den umfassenden Einsatz der Künstlichen Intelligenz (KI). So hat der Bundesverband Gesundheits-IT e.V., kurz bvitg, ein Eckpunktepapier zur Nutzung von KI im Gesundheitssystem vorgelegt. Healthcare Computing stellt die wichtigsten Punkte des Programms vor.

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Das Eckpunktepapier nimmt sich die Geodateninfrastruktur Deutschland zum Vorbild
Das Eckpunktepapier nimmt sich die Geodateninfrastruktur Deutschland zum Vorbild
(© stock.adobe.com)

So bedürfe es für eine nachhaltige und nutzenstiftende Integration von KI in das deutsche Gesundheitssystem nach Meinung des Verbandes vor allem zukunftsorientierter Konzepte und klarer Regeln für die Datennutzung. „Wenn wir die Patientenversorgung mit Hilfe von KI verbessern wollen, darf der Zugang zu Datenbeständen kein exklusives Privileg sein“, stellt Sebastian Zilch, Geschäftsführer des bvitg, fest.

Ergänzend führt er aus: „Hier gilt es vor allem marktschädigende Informationsasymmetrien zu vermeiden. Aus diesem Grund befürwortet der bvitg eine „Open-Data-Strategie“, die Krankenkassen dazu verpflichtet, auf Basis ausgewerteter Versicherten- und Versorgungsdaten gewonnene Erkenntnisse der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Die geplanten Regelungen für Krankenkassen in Hinblick auf die Ergebnisse der Analysen von Gesundheits- und Sozialdaten sind vor diesem Hintergrund nicht zielführend. Unternehmen der Gesundheits-IT sollten ebenso Antragsteller des Forschungsdatenzentrums sein dürfen und so die Daten anonymisiert nutzen können.“

Mit Blick auf den aktuellen Stand des DVG sieht der bvitg zudem im Bereich der Digitalen Gesundheitsanwendungen noch Spielraum für eine angemessene Berücksichtigung von KI. „KI muss einen sicheren und nutzenstiftenden Weg in die Versorgung finden. Dazu müssen KI-gestützte Anwendungen in die Regelversorgung kommen. Die aktuell vorgesehenen Abläufe zur Lizenzierung und Zulassung müssen somit mit der Dynamik der Digitalisierung Schritt halten“, kommentiert Sebastian Zilch.

Abschließend stellt Zilch fest: „Das laufende Gesetzgebungsverfahren bietet hier eine Gelegenheit KI-Anwendungen in allen Prozessen der Gesundheitsversorgung von Anfang an und in allen Facetten mitzudenken. Ziel sollte deshalb eine digitalisierte und datenbasierte Patientenversorgung sein, die eine schnelle Zusammenführung und Auswertung von heterogenen Gesundheitsdaten ermöglicht.“

In seinem Eckpunktepapier fordert der bvitg daher unter anderem:

  • Innovationskultur fördern
    Um dem Einsatz von „KI made in Germany“ auch im Gesundheitswesen international eine führende Rolle zu ermöglichen, bedarf es einer deutlich verbesserten Kultur zur Förderung von Innovationen. Dabei sind Kooperationen von Wissenschaft und Wirtschaft zu fördern, die sowohl Start-Ups, den Mittelstand als auch Großunternehmen einschließen. Entsprechende Förderstrukturen müssen so gestaltet werden, dass gezielt die Möglichkeiten und Verbesserungspotenziale angesprochen werden, die der Einsatz künstlicher Intelligenz bei neuen Versorgungslösungen im Gesundheitswesen bietet.
  • Datenverfügbarkeit sicherstellen und Datenpool aufbauen
    Damit Wettbewerbsnachteile gegenüber Ländern wie den USA oder China reduziert werden können, bedarf es einer europäischen Initiative. Bereits vorhandene Daten sollten einer besseren Gesundheitsversorgung und höherer Patientensicherheit zugutekommen können. Für die grundlegende Entwicklung entsprechender KI-Anwendungen brauchen wir langfristig verfügbare, anwendungsbezogene Daten. Dafür sind lückenlose Opt-Out-Verfahren bei der Datenspende, auf einheitlichen Terminologien und Standards basierende valide Daten sowie spezialisierte Datenzentren notwendig, die auch für die freie Wirtschaft und insbesondere die Gesundheits-IT nutzbar sind. Mittels EU-Förderprogrammen sollen zudem verknüpfte Datenpools aufgebaut werden.
  • Daten- und Kompetenzzentren als Infrastruktur nachhaltig stärken
    Gesundheitsbezogene Anwendungen künstlicher Intelligenz brauchen eine Gesundheitsdateninfrastruktur in Deutschland, die neben individuellen Entwicklungen, eine bundesweite Plattform zur KI-basierten Anwendungsentwicklung bietet. Sowohl für Forschung und Entwicklung als auch für die Qualitätssicherung und Zulassung sind langfristig öffentlich verfügbare sowie dauerhaft referenzierbare Datenbestände erforderlich. Daten- und Rechenzentren, gebündelt mit branchenbezogenen Kompetenzen und ausgeprägter Dienstleistungsorientierung können in Deutschland und Europa zu einem Standortfaktor für innovative Unternehmen werden. Der Markt für KI-Systeme und deren Betrieb im europäischen Raum ist heute stark geprägt von kommerziellen Cloud-Plattformen US-amerikanischer Anbieter. Auch hier sind die deutschen und europäischen Hersteller in Zusammenarbeit mit Daten- und Kompetenzzentren und der Politik gefordert, europäische Standards zu setzen, deren Implementierung zu fördern sowie in die Ausbildung von KI-Expertinnen und Experten zu integrieren.
  • Innovationswettbewerb durch regulativen Rahmen ermöglichen
    Im Geltungsbereich der DSGVO sind Prinzipien wie Zweckbindung, Datensparsamkeit, das Recht auf Auskunft sowie individuelle Entscheidungshoheit bei personenbezogenen Daten als hohe Güter anzusehen, die das notwendige Vertrauen der Nutzer und Patienten in die Gesundheitsdatenverarbeitung im europäischen Raum entscheidend stärken können. Zugleich muss diesen Prinzipien aber auch ein gesellschaftlich-moralisches Datennutzungsgebot deutlich gegenübergestellt werden, insbesondere wenn durch die Nutzung vorhandener Daten in Kombination mit künstlicher Intelligenz gesundheitliche Schäden abgewendet und/oder die Gesundheitsprävention auch auf individueller Ebene entscheidend verbessert werden können. Nach dem Vorbild der Geodateninfrastruktur Deutschland müsste eine Gesundheitsdateninfrastruktur neben technischen Bestandteilen auch entsprechende regulative Aspekte umfassen und somit Nutzer, Netzwerk, Regeln, Standards, Daten und Services berücksichtigen. Regulierte Rollen/Zuständigkeiten, Zugriffsrechte und Standards für die zur Verfügung gestellten Daten können einen Governance-Rahmen für die weitere Entwicklung einer dynamischen KI-Landschaft in Deutschland darstellen.
  • Transparenz aufbauen, geistiges Eigentum schützen
    Patientinnen und Patienten haben Anspruch auf qualitätsgesicherte Daten und Software. Dabei sind ethische Fragestellungen zur Transparenz und über die Qualität von KI-Werkzeugen richtig und wichtig. Gleichzeitig muss der Schutz von geistigem Eigentum auch im Zuge von Qualitätssicherung und Zulassungsverfahren bedacht werden. Zu diskutieren ist hier eine Validierung von digitaler Medizin nach europäischen Standards bei gleichzeitiger Prüfung etablierter Verfahren, in Orientierung an internationalen Initiativen.
  • Europäisch Denken und Handeln
    Die Implementierung von KI in der Gesundheitsversorgung setzt eine europaweite Denkweise voraus und erfordert ein europäisches Netzwerk, z.B. zur Abstimmung zwischen den beteiligten Gremien. Daher muss der Aufbau europäischer Plattformen, welche eine sektorübergreifende Nutzung von Gesundheitsdaten, KI-Ressourcen (APIs, Quellcodefragmente, Open Source, etc.), Werkzeugen, Testing- und Prüfmöglichkeiten bieten, gefördert werden. Neben der Integration von Terminologie-Servern in die Plattform müssen dabei verbindliche europäische bzw. internationale Terminologien in der Medizin und Pflege als Grundlage jeglicher Datenverwendung bedacht werden.

Das vollständige Eckpunktepapier finden Sie hier.

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