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Praxisbeispiel Taiwan Technologie unterstützt den Umgang mit der Pandemie

| Autor / Redakteur: Phoebe Cassidy, VIA Technologies / Ira Zahorsky

Einige Staaten in Asien können anderen Nationen bei der Eindämmung der Corona-Pandemie als Vorbild dienen. Nicht nur deshalb, weil sie der Entwicklung voraus sind. Zudem gibt es hier positive Modelle für den Umgang mit der Situation, wie beispielsweise die Maßnahmen in Taiwan.

In Taiwan wurde den Bürgern mittels Echtzeitkarten aufgezeigt, welche Apotheken und Vertriebsbüros noch Masken vorrätig hatten.
In Taiwan wurde den Bürgern mittels Echtzeitkarten aufgezeigt, welche Apotheken und Vertriebsbüros noch Masken vorrätig hatten.
(Bild: VIA Technologies)

Das Corona-Virus und die durch dieses verursachte schwere Lungenerkrankung hat sich in den letzten Wochen und Monaten zu einer weltweiten Pandemie entwickelt, die kaum ein Land verschont hat und noch lange nicht besiegt ist. Allerdings sind einige Länder bereits auf einem guten Weg bei der Eindämmung der Erkrankungen, während andere noch einen sehr weiten und schwierigen Weg vor sich haben oder gar erst am Anfang dieser Leidensstrecke stehen.

Erfahrungen wirkungsvoll nutzen

Als sich die Nachrichten über ein neues Corona-Virus in Taiwan verbreiteten, wurden vor Ort Erinnerungen an die SARS-Epidemie im Jahr 2003 wach – vor allem aber auch daran, was man aus der damaligen Gesundheitskrise für die jetzige Pandemie gelernt hat. Nach Augenzeugenberichten waren Ausländer im Land bei dem Krankheitsausbruch 2003 auf taiwanesische Zeitungen in englischer Sprache sowie auf Informationsschnipsel von Kollegen und Freunden angewiesen, um sich über die aktuelle Situation, wichtige Vorsichtsmaßnahmen und behördliche Anordnungen zu informieren.

Nun, 17 Jahre später, ist die Erfahrung und das Erleben der Pandemie ein völlig anderes. Die veränderte Wahrnehmung der Krise durch die Bevölkerung und der verbesserte Umgang mit dem neuen Corona-Virus ist dabei zu einem erheblichen Teil einer stark weiterentwickelten Technologienutzung und neu geschaffenen Kommunikationskanälen zu verdanken. Diesmal konnten Taiwanesen und Ausländer dank Twitter seit Anfang Januar 2020 gleichermaßen das Auftauchen eines möglichen neuen Virus quasi in Echtzeit verfolgen. Als die Nachricht um das Chinesische Neujahrsfest (25. Januar 2020) herum weltweit bekannt wurde, kursierten auf Twitter etwa immer mehr Beobachtungen über den im Vergleich zu 2003 enorm gestiegenen Flugverkehr innerhalb sowie von und nach China – mit dem Fazit, dass dieser zu einer sehr viel schnelleren und globalen Ausbreitung der Krankheit beitragen könnte.

Doch der vermehrte Flugverkehr ist nicht die einzige Veränderung. Smartphones und Smart Cities haben die Art und Weise verändert, wie die taiwanesische Bevölkerung lebt und kommuniziert, und diese Faktoren machen mögliche Pandemien zu einer grundlegend anderen Erfahrung als noch vor ein paar Jahren.

Panik vermeiden durch Aufklärung

Ein Schlüsselelement bei der Kontrolle von Pandemien ist das rationale Verhalten der Bevölkerung und die Einhaltung der empfohlenen Maßnahmen zur Verhinderung beziehungsweise zur Eindämmung eines Ausbruchs. Einfach ausgedrückt: Panik ist ein Feind, der die gesamte Operation durcheinanderbringen kann. Sie führt zum Horten lebensnotwendiger Vorräte, zu vermehrten Infektionen und im schlimmsten Fall zu einer Überforderung des Systems oder einem Scheitern der Eindämmungsbestrebungen. Moderne Technologien sind bei dem Umgang mit einer Pandemie ein mögliches Handwerkzeug, das je nach Einsatz hilfreich oder hinderlich sein kann. Wenn die Technologie optimal eingesetzt wird, kann sie dabei unterstützen, sich der neuen Herausforderung zu stellen. Sie kann Regierungen und Menschen dabei helfen, sich auf schwierigem Terrain zurechtzufinden. Im schlimmsten Fall können mithilfe neuer Technologien aber auch Gerüchte geschürt werden, die sich wie ein Lauffeuer verbreiten, Fehlinformationen sowie Panik verursachen und so zu Fehlhandlungen vieler Beteiligten führen.

Taiwan kann hier als eine interessante Fallstudie dienen, die aufzeigt, wie die Regierung im ersten Monat des Covid-19-Ausbruchs mithilfe moderner Technologien die Bevölkerung dazu bewegt hat, Ruhe zu bewahren und panikartiges Verhalten zu vermeiden.

Technologischer Vorsprung zahlt sich aus

Ein großer Vorteil des Landes, abgesehen davon, dass Taiwan eine Insel ist, besteht darin, dass 92,6 Prozent der Bevölkerung Zugang zum Internet hat. Zudem wies das Land 2018 den zweithöchsten Datenverbrauch der Welt bei Mobiltelefonen auf. Die meisten Erwachsenen besitzen ein Mobiltelefon, und 77 Prozent der über 12-Jährigen greifen über Mobiltelefon auf das Internet zu. Dieser hohe Grad der Internetanbindung ermöglicht es, dass öffentliche Bekanntmachungen, die über Messaging-Dienste („Apps“) wie LINE verbreitet werden, in kürzester Zeit einen großen Prozentsatz der Bevölkerung erreichen.

Im Gegensatz dazu hat nach Angaben der vom „Vater“ des World Wide Web, Tim Berners-Lee, gegründeten Web Foundation weltweit fast die Hälfte aller Menschen keinen Zugang zum Internet. Zwar haben sich die Vereinten Nationen schon vor der Pandemie zum Ziel gesetzt, dass bis 2025 75 Prozent der Menschen weltweit und 35 Prozent der Menschen in Entwicklungsländern Zugang zu einem Breitbandanschluss haben sollen. Diese Werte werden nach einer Schätzung der Web Foundation aber nicht erfüllt werden. Aktuell leben laut der Organisation die meisten Menschen ohne Internetanschluss in ärmeren Ländern. In Afrika seien nur 28 Prozent der Menschen online. Und genau dies sind die Länder, in denen das Corona-Virus als nächstes auszubrechen droht oder vermutlich schon ausgebrochen ist. Dort, wo keine oder kaum Test durchgeführt werden können und wo Menschen auch ohne diese Pandemie in schwierigen sozialen und finanziellen sowie sehr schlechten hygienischen Verhältnissen leben. Probleme gebe es aber auch in Europa oder den USA. Laut Angaben der Web Foundation hat in New York City fast ein Drittel der Haushalte keinen Breitbandanschluss, und in Spanien besitzen 19 Prozent der Bürger keinen Computer.

Der erste Warnhinweis auf Corona

Taiwan dagegen nutzt bereits seine Mobilfunknetze, um Erdbebenwarnungen auszugeben, um der Bevölkerung eine bessere Vorwarnzeit zu ermöglichen. Am 7. Februar 2020 wurde nun dieses System dafür verwendet, um eine noch nie dagewesene Gesundheitswarnung auszugeben. Die Nachricht war recht kurz gehalten und bestand vor allem aus einer Google-Karte mit den Orten, die die Passagiere des Kreuzfahrtschiffs „Princess Diamond“ am 31. Januar im Norden Taiwans besucht hatten, als das Schiff im Hafen Keelong angelegt hatte. Von den Passagieren waren zum Zeitpunkt der Warnnachricht bereits 41 Personen positiv auf Covid-19 getestet worden. In dem Warnhinweis wurden Personen, die am erwähnten Tag in diesen Gebieten unterwegs gewesen waren und mit Erkrankten Kontakt gehabt haben konnten, aufgefordert, ihre Aktivitäten einzuschränken, nach Möglichkeit Menschenansammlungen zu meiden. Sie sollten außerdem ihren Gesundheitszustand bis zum 14. Februar selbst überwachen und die Hotline des Center for Disease Control (CDC) informieren, falls Symptome auftraten.

Obwohl der Warnhinweis zunächst vor allem bei Menschen, die kein Mandarin lesen konnten oder generell noch nicht über das Corona-Virus informiert waren, eine vorübergehende Unruhe ausgelöst hat, scheint er im Großen und Ganzen wirksam und hilfreich gewesen zu sein. Ein Blick auf die Kommunikation in den sozialen Medien am 7. Februar 2020 zeigt viele Menschen, die den Warnhinweis an sich und ihren Verbleib an dem in Frage kommenden 31. Januar 2020 diskutierten. Außerdem sorgte die Art des Warnhinweises und der gewählte allgemeine Kommunikationskanal dafür, dass die Regierung dem Nachrichtenzyklus immer einen Schritt voraus war. Alle Bürger wurden zur gleichen Zeit informiert, und dies unmittelbar, nachdem die Regierung die Informationen gesammelt hatte. Dies förderte das Gefühl einer transparenten Regierungsführung, das für die öffentliche Ruhe und Ordnung unerlässlich ist. Der Einsatz des Google-Maps-Format hatte ferner den Vorteil, dass jeder Nutzer, der die Funktion der Standortbestimmung seines Smartphones aktiviert hatte und damit quasi über eine Art Standortgeschichte verfügte, seinen Verbleib an diesem Tag schnell nachprüfen konnte. Schließlich schränkte der Rat an Menschen, die möglicherweise Symptome haben, die CDC anzurufen, statt direkt zum Arzt zu gehen, die mögliche Verbreitung durch Patienten, die örtliche Kliniken aufsuchen, weiter ein.

Existierende Gesundheitsüberwachung nutzen

Infrarot-Thermoscanner sind in Taiwan an den Flughäfen schon seit mehreren Jahren im Einsatz.
Infrarot-Thermoscanner sind in Taiwan an den Flughäfen schon seit mehreren Jahren im Einsatz.
(Bild: VIA Technologies)

Zudem gab es in Taiwan bereits einige Gesundheitsüberwachungs-Systeme, die bei der Kontrolle eines Krankheitsausbruchs helfen können. So sind etwa schon seit mehreren Jahren auf den internationalen Flughäfen in Taiwan Infrarot-Thermoscanner-Stationen im Einsatz. Passagiere, bei denen die Systeme auffällige Befunde feststellen, werden bereits seit 2008 gebeten, ein CDC-Formular auszufüllen, einschließlich einer Kontakt-Telefonnummer. Im Falle einer grassierenden Grippe-Epidemie, so etwa beim Ausbruch der Vogelgrippe, erfolgen dann auch tatsächlich Kontrollanrufe. Gegenwärtig verlangt die Regierung als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme von allen Touristen das Ausfüllen von Fragebögen zur Reisehistorie.

Im Übrigen setzen auch global agierende Konzerne wie der Online-Versandhändler Amazon an einigen Standorten Wärmebildkameras zur Eindämmung des Corona-Virus ein, um die Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter zu unterstützen und die getroffenen Sicherheitsmaßnahmen zu optimieren.

Ferner hat Taiwan für Einwohner und Bürger sein nationales Krankenversicherungssystem (National Health Insurance, NHI) dahingehend optimiert, dass ein in der Versichertenkarte enthaltener Chip neben anderen Angaben auch die „Reisegeschichte“ der Patienten enthält, sodass medizinisches Personal Hochrisikofälle schnell erkennen kann, wenn diese eine Gesundheitseinrichtung besuchen und ihre Daten eingelesen werden.

Käufer von Schutzmasken mussten sich in Taiwan per Versichertenkarte legitimieren.
Käufer von Schutzmasken mussten sich in Taiwan per Versichertenkarte legitimieren.
(Bild: VIA Technologies)

Die NHI-Versichertenkarten dienten zudem auch als Legitimation beim Kauf von Atemschutzmasken, nachdem am 4. Februar 2020 als Reaktion auf Panikkäufe und das Horten von Masken ein Rationierungssystems eingeführt worden war, um die Versorgung von Mitarbeitern an vorderster Front in medizinischen Zentren und im öffentlichen Dienst sicherstellen zu können. So wurde jede Person beim Kauf einer solchen Schutzmaske namentlich erfasst. Diese rasche Nutzung einer bereits bestehenden digitalen Infrastruktur zur Eindämmung der neuen Bedrohung, wurde mit einer Flut digitaler Memes kombiniert, die Auskunft darüber gaben, wann Masken für notwendig erachtet wurden oder mittels Echtzeitkarten aufzeigten, welche Apotheken und Vertriebsbüros noch Masken vorrätig hatten.

Da viele Länder weltweit mit Schwierigkeiten in der Lieferkette und einem rücksichtslosen Preiskampf für Schutzausrüstung konfrontiert waren, der die Schwächsten oder Ärmsten in Gefahr brachte, trugen solche Schritte zweifellos zur Beruhigung der Öffentlichkeit in Taiwan bei. Obwohl diese Maßnahmen erwartungsgemäß auch auf Kritik stießen, ist es bemerkenswert, dass Taiwan es auch dank dieser Verordnungen geschafft hat, die Situation in den Griff zu bekommen und dass Krankenhäuser, Kliniken sowie Mitarbeiter im öffentlichen Dienst an vorderster Linie direkt mit ausreichend Masken versorgt werden konnten.

Die digitale Community entlarvt Gerüchte

Taiwan verfügt über eine vielfältige und blühende digitale Community. So arbeiten etwa Programmierer und Hacker seit langem zusammen und versuchen, Probleme der Zivilgesellschaft dadurch anzugehen, dass sie Informationen verifizieren und so faktenbasierte Entscheidungen unterstützen. Ein Beispiel ist das Project CoFacts, eine Art Faktencheck, der es den Nutzern sozialer Medien ermöglicht, Geschichten und Beiträge zur Überprüfung zu markieren. Nachdem das CoFacts-Team den jeweiligen Fall untersucht hat, geben die Mitglieder eine Erklärung über den Wahrheitsgehalt der eingereichten Information ab. Diese wird dann an die Social-Media-Gruppen geschickt, in denen diese Information geteilt wird. Das Potenzial eines solchen ausgereiften, unabhängigen Systems zur Überprüfung oder Wiederlegung von Gerüchten sollte nicht unterschätzt werden. Natürlich werden einige Teile der Bevölkerung hartnäckig davon überzeugt bleiben, dass sie in die Irre geführt werden, aber neutrale Faktenüberprüfungsdienste, die direkt in die Gespräche auf den jeweiligen Mediaplattformen eingreifen können, tragen dazu bei, dass diese Gespräche nicht außer Kontrolle geraten.

Transparenz stärkt das Vertrauen

Eine erfolgreiche Informationskampagne im Bereich der öffentlichen Gesundheit zeichnet sich dadurch aus, dass mündige, informierte und kompetente Bürger das Gefühl haben, rasch und jederzeit Zugang zu Informationen zu erhalten, deren Quellen sie vertrauen können. Dies trägt dazu bei, die Gefahr einer Panik zu verringern und ermutigt die Menschen, sozial und gemeinschaftlich zu handeln, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Während die Reaktion Taiwans auf die Pandemie nicht als fehlerlos angesehen werden kann – zum Beispiel führte eine frühe Panne in der Nachrichtenübermittlung zu Verwirrung über die angemessene Verwendung von Masken – waren die Bemühungen um eine offene Nachrichtenübermittlung und den zielgerichteten Einsatz modernster Technologie beeindruckend. Die Fähigkeit der Regierung, den Menschen zeitnah präzise und verlässliche Informationen zur Verfügung zu stellen, ließ weniger Raum für Gerüchte und förderte unter der Bevölkerung die Art von rationalem Verhalten, das in der Zeit einer möglichen Pandemie von entscheidender Bedeutung ist.

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