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Digitalisierung dämmt die Ausgaben ein

Problemfall Pflege

| Autor/ Redakteur: Karsten Glied* / Susanne Ehneß

Mehr als die Hälfte des Pflegepersonals in Deutschland denkt aktuell über einen Ausstieg aus dem Beruf nach. Digitale Unterstützung könnte die Arbeitsbedingungen verbessern.

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Das Pflegepersonal kann durch die Digitalisierung unterstützt werden
Das Pflegepersonal kann durch die Digitalisierung unterstützt werden
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Spätestens seit dem aktuellen Referentenentwurf zur Ausweitung des E-Health-Gesetzes dürfte klar sein, dass die Digitalisierung in der Gesundheits- und Sozialbranche nun oben auf der Prioritätenliste des Bundesministeriums für Gesundheit angekommen ist. Aus ­gutem Grund, denn die Digitalisierung bietet viele Chancen, die Versorgung zu verbessern, den Fachkräftemangel abzufedern und den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft konstruktiv zu begegnen.

Von Apps auf Rezept über den leichteren Zugang zu Videosprechstunden bis hin zur elektronischen Patientenakte und weniger Papier in den Praxen – mit dem Gesetz soll sich in Sachen Digitalisierung viel bewegen. Trotz der Bemühungen ist die Branche mindestens zehn Jahre zurück: Deutschland steckt bei der Digitalisierung im Gesundheits- und Sozialbereich immer noch in den Kinderschuhen. Obwohl gleichzeitig auch so viel Einsparpotenzial in digitalen Prozessen verborgen liegt. Jährlich könnten effektive Digitalisierungsprojekte für milliardenschwere Entlastungen sorgen.

Skepsis überwinden

Die Digitalisierung voranzutreiben bedeutet zwangsläufig, Investitionen zu tätigen: Eng verknüpft ­damit sind Vorbehalte und auch Unsicherheit. Um die prekäre Situation im Gesundheitssektor aufzufangen, kommt die Branche aber langfristig nicht mehr daran vorbei. Insgesamt ließen sich hierzulande mit erfolgreichen Digitalisierungsprojekten jährlich bis zu 34 Milliarden Euro einsparen. Eine immense Chance, besonders vor der Folie eines nicht aufzuhaltenden demographischen Wandels und der schwierigen personellen Situation in der Pflege.

Mehr als die Hälfte des Pflege­personals in Deutschland denkt aktuell über einen Ausstieg aus dem Beruf nach. Als Gründe geben die Befragten Personalmangel und eine hohe Arbeitsbelastung an. Während die Zahl der Pflegebedürftigen und Patienten wächst, sinkt die der Auszubildenden im Pflegeberuf kontinuierlich. Bereits jetzt sind die Auswirkungen auf die Versorgungsqualität zu spüren.

Digitale Unterstützung etwa in der Dokumentation oder die mobile Vernetzung könnten das Personal entlasten und die Arbeitsbedingungen verbessern – gleichzeitig bleibt so mehr Zeit für den direkten menschlichen Kontakt. Darüber hinaus wirkt sich eine Verbesserung der Situation in den Einrichtungen auch positiv auf die gesellschaftliche Wahrnehmung des ganzen Berufsstandes aus.

Einsatzmöglichkeiten

Im vergangenen Jahr betrugen die Ausgaben für die Gesundheits­versorgung stolze 290 Milliarden Euro. Bedingt durch die überalterte Gesellschaft und die steigenden Behandlungskosten wächst dieser Betrag jährlich um fast fünf Prozent. Der Einsatz digitaler Technologien könnte den Gesamtbetrag der Versorgungskosten um rund zwölf Prozent senken. Größtes Sparpotenzial steckt in der elektronischen Patientenakte, in digitalen Rezepten sowie in webbasierten Interaktionen zwischen Arzt und Patient.

Doch warum reduzieren sich die Kosten? Einerseits liegt es an den zu erwartenden Effizienzsteigerungen und andererseits an der Reduzierung redundanter Leistungen. Allein die Umstellung auf eine einheitliche elektronische Gesundheitskarte (eGK) verspricht Einsparungen in einer Höhe von 6,4 Milliarden Euro. Zusammen mit der digitalen Patientenakte ­(eAkte) wäre eine funktionale eGK in der Lage, Kommunikationsfehler und unnötige Doppeluntersuchungen zu vermeiden sowie den Wechsel zwischen ambulanten und stationären Sektoren reibungsloser zu gestalten.

Der Schlüssel liegt in der lückenlosen Dokumentation. Für Patienten und die behandelnden Ärzte birgt dies riesiges Potenzial – alle medizinischen Daten wie Röntgenbilder, Blutwerte oder Medikamentengaben lassen sich auf einen Blick aufrufen.

Nach dem aktuellen Gesetzentwurf soll nun Bewegung in die eAkte kommen: Patienten sollen einen Anspruch auf Bestückung ihrer elektronischen Akte mit den entsprechenden Inhalten bekommen. Je nach Wunsch sollen sich Impfausweise, Mutterpässe oder Zahn-Bonushefte digital speichern lassen. Darüber hinaus verspricht auch die Umstellung auf papier­loses Arbeiten, Teleberatung, die mobile Vernetzung von Pflege­personal oder die auf Barcodes ­basierte Verabreichung von Medikamenten Sparpotenzial.

Mut gefragt

Nach dem Willen des Gesundheitsministeriums sollen künftig Patienten spezielle Gesundheitsapps, die zum Beispiel beim regelmäßigen Einnehmen von Medikamenten helfen oder auch in Form von digitalen Tagebüchern etwa Diabetiker unterstützen, vom Arzt verschrieben bekommen. Und auch die Videosprechstunde soll vermehrt Einzug in den Alltag halten – ein Jahr nachdem das Fernbehandlungsgesetz gelockert wurde. Teleberatungen könnten den Personalmangel insbesondere in ländlichen Regionen abmildern.

Auch ambulante Pflegekräfte erfahren durch digitale Prozesse Entlastung – ein ortsunabhängiger Zugriff auf Patienteninformationen und Befunde hilft dabei, die Dokumentation unterwegs schnell und einfach über Tablets laufen zu lassen. Im Krankenhaus sorgen intelligente Pflegebetten und ein vernetztes Alarmsystem für mehr Sicherheit. Es zeigt sich, dass digitale Lösungen nicht nur in der Lage sind, die Kosten zu senken, sondern auch die Aussicht auf eine bessere Versorgung und angemessene Arbeitsbedingungen bieten. Letztlich profitieren von der Digitalisierung im Gesundheitswesen alle – von den Leistungserbringern über Ärzte, Krankenhäuser, Kassen bis hin zu Patienten und Pflegebedürftigen.

Sämtliche Voraussetzungen für den digitalen Wandel in der Gesundheits- und Sozialbranche sind bereits vorhanden: finanzielle Mittel, das Know-how und auch die technologischen Bedingungen. Nun ist Mut gefragt, die Digitalisierung auch aktiv zu gestalten.

*Der Autor: Karsten Glied ist Geschäftsführer der Techniklotsen GmbH, die sich auf IT- und Technik-Lösungen für die Sozial- und Gesundheitswirtschaft spezialisiert hat.

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