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Künstliche Intelligenz Pflege-Roboter: Sinnvolle Technologie ohne sinnvolles Beschaffungskonzept

| Autor/ Redakteur: Christa Bischofberger* / Ira Zahorsky

Warum Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser künftig nicht ohne Hilfe durch Künstliche Intelligenz auskommen werden – und dabei auf Outsourcing angewiesen sind.

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In Deutschland sind Pflegebedürftige gegenüber einer Unterstützung durch Roboter aufgeschlossen.
In Deutschland sind Pflegebedürftige gegenüber einer Unterstützung durch Roboter aufgeschlossen.
(Bild: ©M.Dörr & M.Frommherz - stock.adobe.com)

Jeder würde gerne ohne sie auskommen – und trotzdem werden wir sie brauchen. So lässt sich der Stand der Diskussion rund um die sogenannte ePflege zusammenfassen. Tatsächlich fehlen schon heute die Arbeitskräfte, um den Bedarf an Pflege zu decken. Ohne Unterstützung durch digitale Technologien wird der Fachkräftemangel die Pflegesituation weiter verschärfen. Ein Beispiel dafür liefert die Stadt München: 2018 konnten in städtischen Pflegeeinrichtungen laut „Marktbericht Pflege“ 291 vorhandene Pflegeplätze nicht belegt werden – weil dafür das Personal fehlte. Schätzungen zufolge werden in Deutschland 2030 rund 500.000 Pflegekräfte fehlen.

Was mit dem Schlagwort ePflege allerdings konkret gemeint ist, ist nicht eindeutig definiert. Zählt auch die Pflegebrille dazu, die pflegerische Arbeitsprozesse durch das Abrufen visueller Patientendaten erleichtern soll, damit die Pflegenden die Hände frei haben? Oder autonom fahrende Transportsysteme in Pflegeheimen, also automatisierte Betten? Letzteres ist im Klinikbetrieb bereits erprobt und eingeführt, digitale Assistenzsysteme stehen vor der Inbetriebsetzung. Anders sieht es bei den öffentlichkeitswirksamen Robotersystemen aus. Sie verkörpern geradezu die Vision, menschliche Pflege durch intelligente Automation zu ersetzen – zumindest zunächst teilweise und wo Routineaufgaben zu erledigen sind.

Dass das machbar und praktikabel ist, zeigt Japan: Das Land setzt dort, wo Personal fehlt, bereits auf Roboter. Anders kann der Pflegeaufwand nicht mehr gestemmt werden, denn bereits ein Viertel der japanischen Bevölkerung ist heute über 65 Jahre alt. Deutschland steht mit der hohen Zahl zukünftiger Rentner aus der Babyboomer-Generation eine ähnliche Situation bevor.

Ethische Grenzen und technische Herausforderungen

An dieser Stelle regt sich in Deutschland Widerstand aus ethischen Gesichtspunkten. Laut einer Studie der Berliner Charité begrüßen Krankenschwestern und Altenpfleger technische Hilfsmittel wie Hebehilfen, die ihre Arbeit erleichtern – Maschinen als Ersatz für menschliche Zuwendung wie Kuschelroboter lehnen sie aber ab. Generell steigt die Akzeptanz von digitaler Unterstützung in der Pflege, wie die Stiftung ZQP in einer repräsentativen Umfrage ermittelt hat. Demnach sehen zwei Drittel aller Deutschen eher Chancen als Probleme bei der Nutzung digitaler Techniken in der Pflege, sogar drei von vier Befragten glauben, dass pflegebedürftige Menschen durch technische Unterstützungssysteme ein selbstbestimmteres Leben führen können.

Die Pflege durch einen hypothetischen gut funktionierenden Roboter zu unterstützen, wurde in allen thematisierten Einsatzvarianten von mindestens 51 Prozent der Befragten befürwortet – bis hin zu einem Zustimmungswert von 76 Prozent, wenn der Roboter als Erinnerungshilfe bei der Einnahme von Medikamenten, Speisen oder Getränken eingesetzt wird.

Know-how fehlt

An einer Tatsache kommen die meisten Einrichtungen auf absehbare Zeit nicht vorbei: Das Know-how für den Einsatz der Technologie und insbesondere die Beschaffung fehlt. Ein erprobtes Beschaffungskonzept existiert in den Häusern selbst in aller Regel nicht. Die nahe liegende Lösung ist Outsourcing – also der Zukauf von Maschinen und Geräten samt dazugehörigen Leistungen für Auswahl, Einsatz und Wartung. Auch dieses Vorgehen ist allerdings nicht trivial: Wer bietet die besten Produkte, Lösungen und Verträge für den spezifischen Zweck an? Wie ist eine Ausschreibung zu gestalten, wenn es um technologiegetriebene Produkte geht? Diese Fragen können im Kranken- und Pflegebereich nur wenige Spezialisten beantworten – von der langfristigen Bewertung gar nicht zu sprechen. Schließlich gilt es nicht nur, die Funktionalität und damit die Effektivität zu beurteilen, sondern auch die Wirtschaftlichkeit und die langfristige Effizienz eines Robotereinsatzes.

Auch ethische Fragen sind unter der Überschrift Funktionalität zu bewerten: Was kann der Roboter? Was soll er nicht können? Entscheidungen ohne fundierte Grundlage bergen erhebliche Risiken, gerade, wenn es nicht nur um Investitionen, sondern um langfristige Vertragsbeziehungen mit Dienstleistern geht. Im schlimmsten Fall drohen Fehlkäufe oder teure Vertragsabschlüsse ohne Revisionsrecht. Deshalb bietet es sich an, nicht nur den Einsatz der Technologie auszulagern, sondern sich schon im Entscheidungsprozess Hilfe von unabhängigen Experten zu holen, die eine Ausschreibung mit entsprechendem Wissen unterstützen können.

Outsourcing als Ausweg aus der Beschaffungsunsicherheit

Sobald Robotik im Spiel ist, geht es in der Regel um Investitionen im mehrstelligen Millionenbereich. Hier ist es praktisch Pflicht, vor einem Vertragsabschluss die unterschiedlichen Leistungsumfänge und Vertragsbedingungen von verschiedenen Dienstleistern bewerten zu können. Während Krankenhäuser für akute Behandlungen schon über Erfahrung im Bereich Medizintechnik verfügen, ist das für Pflegeeinrichtungen noch Neuland. Gerade hier bietet sich externe Unterstützung an.

Der Sourcing-Spezialist definiert zusammen mit der Pflegeeinrichtung oder dem Krankenhaus das Sourcing-Zielbild. Es werden Sourcing-Leitlinien und -Modelle erarbeitet. Mit seiner Erfahrung und mittels Marktanalysen kann der Berater dann infrage kommende Anbieter vorschlagen. Deren Leistungsfähigkeit wird strukturiert abgefragt; dies ist für die Vergleichbarkeit wichtig – insbesondere in einer Zeit, in der sich die Angebote im Bereich Pflege-Robotics rasant weiterentwickeln. Zu klären ist auch, welche Steuerungsaufgaben im Falle einer Auslagerung bei der Einrichtung erforderlich sind, und wie sie umgesetzt werden.

Ausschreibung als Chance nutzen

Nicht immer ist eine Ausschreibung vorgeschrieben. Wenn sie die Wahl haben, sehen Institutionen oft davon ab, weil sie den zusätzlichen Aufwand scheuen. Faktisch, so zeigt die Erfahrung, bergen Ausschreibungen allerdings auch messbare Chancen. Das gilt insbesondere bei großen Investitionsvolumen, weil ein Ausschreibungsverfahren die Verhandlungsposition der Institution hinsichtlich vertraglicher und kommerzieller Regelungen stärkt. Allerdings haben Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser oft wenig Erfahrung darin, wie ein IT-Ausschreibungsprozess aussehen sollte. Was gibt es dabei zu beachten, wie lässt sich der Prozess in einem Minimum an Zeit abwickeln?

Deshalb empfiehlt sich hier eine Begleitung durch einen Sourcing-Berater – zumal sich die Kosten dafür allein durch günstige Verhandlungsergebnisse oft mehr als amortisieren. So kümmern sich die Spezialisten beispielsweise um die Organisation der Ausschreibung, angefangen von der Planung bis hin zur Konzeption der Verträge, und entlasten damit das interne Personal. Auch die Bewertung von Anbietern und ihren Konditionen gelingt Beratern mit entsprechenden Erfahrungen und Benchmarks oft leichter und treffsicherer. Und selbst bei Change-Management-Prozessen nach der Vergabeentscheidung können Berater ihre Erfahrung einbringen.

Zweifellos bieten die neuen Technologien rund um künstliche Intelligenz und Robotik große Chancen, den Pflegenotstand abzufedern. Die Stärke von Pflegeeinrichtungen liegt im Dienst am Pflegebedürftigen und nicht im Betrieb einer Technologie-Infrastruktur. Diese können andere effizienter erreichen. Unterstützung von außen ist hier vernünftig. Denn wer sich bei Auswahl und Einführung helfen lässt, schont nicht nur die eigenen knappen Ressourcen, sondern löst das Problem auch wirtschaftlich sinnvoll.

Christa Bischofberger, Unternehmensberatung microfin
Christa Bischofberger, Unternehmensberatung microfin
(Bild: microfin/Silv Malkmus)

*Die Autorin, Christa Bischofberger, ist Organisationsberaterin mit langjähriger Erfahrung in der Auslagerung von Fachanwendungen und von Geschäftsprozessen. Aktuell befasst sie sich mit der digitalen Transformation von Unternehmen und der Frage, wie Outsourcing an Künstliche Intelligenz (KI) erfolgreich umgesetzt wird. Sie arbeitet für microfin, eine unabhängige Unternehmensberatung für Outsourcing, Cloud-Sourcing, Providermanagement und KI mit Sitz in Bad Homburg.

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