IT-Fachkräftemangel „Nehmen uns die Chance, das Gesundheitssystem zukunftsfähig aufzustellen“

Das Gespräch führte Natalie Ziebolz

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Nicht nur der Fachkräftemangel im IT-Bereich auch fehlende Fortbildungen für Mitarbeiter bremsen die Digitalisierung im Gesundheitswesen aus. Dr. Sophia Strunz, Geschäftsführerin des Startups Hypercampus, hat mit Healthcare Computing über mögliche Lösungen des Problems gesprochen. Es wurde dabei deutlich, Deutschland muss flexibler und offener neuen Lösungen gegenüber werden.

Digitale Anwendungen eröffnen dem Gesundheitswesen viele Möglichkeiten, etwa um Versorgungslücken auf dem Land zu schließen. Für die Implementierung und den Support der Anwendungen brauchen Krankenhäuser jedoch auch das entsprechende IT-Fachpersonal
Digitale Anwendungen eröffnen dem Gesundheitswesen viele Möglichkeiten, etwa um Versorgungslücken auf dem Land zu schließen. Für die Implementierung und den Support der Anwendungen brauchen Krankenhäuser jedoch auch das entsprechende IT-Fachpersonal
(◘ Alexander Limbach – stock.adobe.com )

Frau Strunz, Sie haben einige Zeit im Ausland verbracht. Was machen andere Länder besser in puncto Digitalisierung?

Strunz: Sie haben viel früher mit dem digitalen Wandel begonnen. Estland beispielsweise hat bereits vor über zehn Jahren eine elektronische Patientenakte eingeführt. Zudem wird die Digitalisierung im Gesundheitswesen dort von einer zentralen Stelle geleitet und umgesetzt. Hierzulande können und dürfen sehr viele unterschiedliche Parteien ihre Meinung in den Prozess einbringen, einiges ist Sache des Bundes, anderes wird von den Ländern geregelt. Dadurch ergeben sich auch viele regionale Unterschiede. In Estland gab es hingegen von Anfang an eine einheitliche Lösung. Das trägt maßgeblich zum Erfolg bei. Dort sind beispielsweise alle Ärzte und Krankenhäuser an deren Telematikinfrastruktur-Lösung angebunden. Da sind wir noch weit von entfernt.

In den asiatischen Ländern begeistert mich hingegen der Pragmatismus, mit dem sie sich der Digitalisierung annehmen. Man muss dazu sagen, ein derart ausgebautes Primary Care-Netzwerk, wie wir es haben mit niedergelassenen Haus- und Fachärzten, gibt es in vielen asiatischen Ländern nicht. Das nächste Krankenhaus liegt zudem oft weit entfernt. Statt nun jedoch die Erstversorgung aufzubauen, überspringen sie diesen Schritt und widmen sich gleich der digitalen Infrastruktur. Dadurch sind sie auch in puncto Video-Konsultation bereits weiter als wir. Fast jedes Krankenhaus bietet in ländlichen Regionen ein entsprechendes Angebot an. Zudem können niedergelassene Ärzte so einfach Fachärzte in die Diagnose einbinden.

Wieso geht es mit der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens so schleppend voran?

Strunz: Wir stehen uns oft selbst im Weg. Wir wollen immer von Anfang an die perfekte Lösung, anstatt die Prozesse und Anwendungen einfach auszuprobieren. Hier könnte man sich etwas von den agilen Methoden der Startups abschauen – soweit es rechtlich machbar ist.

Zudem nehmen wir die Patienten zu wenig mit. Man klärt sie zu wenig über die Vorteile der Anwendungen auf und dadurch verpufft ihr positiver Effekt wieder. Das sieht man sehr deutlich an der elektronischen Patientenakte. Die Patienten kennen ihren Nutzen nicht und melden sich daher nicht für die ePA an. Die Ärzte hingegen sehen keinen Sinn in der digitalen Akte, weil sie kaum ein Patient nutzt. Dabei hat die Pandemie bereits gezeigt, dass mit einem guten Angebot auch die Nachfrage steigt. Video-Konsultationen werden mittlerweile aktiv genutzt.

Vielleicht würde uns aber auch einfach ein wenig Pragmatismus guttun. Wieso führt man die ePA nicht mit Opt-out-Option ein und jeder Patient, der sie nicht nutzen möchte, muss das aktiv kommunizieren? Wir können doch nicht jahrelang in entsprechende Anwendungen investieren und am Ende scheitert es daran, dass die Patienten sie nicht nutzen.

Überhaupt lassen wir lassen viel Potenzial ungenutzt. Wir haben hierzulande tolle Leuchtturmprojekte, etwa zum Thema Schlaganfallversorgung auf dem Land. Dabei setzt man auf Fernkonsultationen. Da entsprechende Projekte jedoch meist von regionalen Initiativen vorangetrieben werden, laufen sie oft ins Leere oder werden schlichtweg nicht bundesweit ausgerollt, da in jedem Bundesland wieder andere Stakeholder und Behörden zuständig sind. Dadurch nehmen wir uns aber auch die Chance, unser Gesundheitssystem zukunftsfähig aufzustellen. Früher gab es beispielsweise Gemeindeschwester in Regionen ohne Hausarzt. Diese übernahmen bestimmte ärztliche Tätigkeiten. In Kombination mit der heutigen digitalen Infrastruktur könnte man so der Unterversorgung auf dem Land entgegenwirken. Weiß die Schwester nicht weiter, kann sie einen Arzt per Video-Konsultation hinzuziehen. Deutschland braucht in puncto Digitalisierung mehr Mut.

Für den Aufbau der digitalen Strukturen brauchen Krankenhäuser, Ärzte und Gemeinden allerdings IT-Fachkräfte. Diese sind aktuell nicht so einfach zu bekommen.

Das stimmt. Das bestätigen auch zahlreiche Studien. Hier sind Kreativität und Offenheit gegenüber neuen Lösungen gefragt. Deswegen bilden wir bei Hypercampus beispielsweise Arbeitsuchende zu IT-Fachkräften für Systemadministration im Gesundheitswesen aus. Die Krankenhäuser könnten aber natürlich auch selbst intern Quereinsteiger zur ITlern ausbilden oder ihnen zumindest die Basics beibringen. Auch ausländische Fachkräfte sollten in Erwägung gezogen werden. Anders kann der Bedarf langfristig nicht gedeckt werden.

Was genau verbirgt sich hinter Hypercampus?

Strunz: Eine große Herausforderung der Krankenhäuser ist, dass sie kein IT-Fachkräfte mehr vor Ort haben, die die Digitalisierungsprojekte betreuen können. Entsprechende Dienstleister sind jedoch häufig so ausgelastet, dass sie den Krankenhäusern nicht sofort helfen können. Wir bilden daher arbeitslose beziehungsweise arbeitssuchende Menschen innerhalb von zwölf Monaten zur „IT-Fachkraft für Systemadministration im Gesundheitswesen“ weiter. Im Gesundheitswesen gibt es viele Besonderheiten zu beachten, deswegen konzentrieren wir uns dabei von der ersten Stunde an auf die Inhalte, die diesbezüglich einen Mehrwert schaffen. Inhalte, die man später im Alltag nicht braucht – und die lernt man eigentlich in jedem Studium beziehungsweise jeder Ausbildung –, werden nicht in den Weiterbildungsplan aufgenommen. Dafür arbeiten wir mit unterschiedlichen Experten zusammen – etwa mit der Gematik, Krankenhäusern oder Ärzten, aber auch mit IT-Unternehmen und Spezialisten für Digital Health. Natürlich sind die Teilnehmer nach der Weiterbildung keine vollwertigen Fachinformatiker, aber sie sind solide aufgestellt und können ihr Wissen in der Praxis dann vertiefen. Unser Ziel ist es, dass die Teilnehmer die Besonderheiten der IT im Gesundheitswesen verstehen und anschließend auch als Vermittler zwischen Medizin und IT fungieren können.

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Wir haben auch eigentlich keine andere Wahl als neue Wege zu gehen. Aktuell fließen bereits zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts in das Gesundheitswesen, dabei ist der Höhepunkt des demographischen Wandels noch gar nicht erreicht. Wenn wir nicht wollen, dass die Kosten weiter explodieren und wir dennoch keine flächendeckende Gesundheitsversorgung mehr garantieren können, da zu viele alteingesessenen Praxen aufgrund von Rente geschlossen wurden, ist die Digitalisierung meines Erachtens nach, der einzige Weg, den wir gehen können. Gerade die jüngeren Generationen fordern entsprechende Angebote auch aktiv ein. Die sind froh, wenn die alles mit ihrem Smartphone machen können. Ihre Ansprüche an die digitalen Angebote sind jedoch auch sehr hoch. Für die Implementierung der geeigneten Infrastrukturen brauchen wir zusätzliche Fachkräfte.

Die andere Seite der Medaille sind die Pflegekräfte, die Ärzte, die mit den digitalen Anwendungen arbeiten müssen. Wäre es hier nicht auch notwendig, die Weiterbildungsmaßnahmen zu verstärken?

Strunz: Auf jeden Fall! Wir stehen im engen Austausch mit den Krankenhäusern und dabei zeigt sich, dass auch die Mitarbeiter vermehrt Weiterbildungen fordern. Gerade im Rahmen des Krankenhauszukunftsgesetzes müssen sie vermehrt mit neuer Software und neuen Prozessen arbeiten, aber niemand zeigt ihnen, wie alles richtig funktioniert. Für das Gelingen der Digitalisierung ist es jedoch essenziell alle Beteiligten dazu in die Lage zu versetzen, die neuen Anwendungen und damit auch ihre Vorteile richtig einsetzen zu können. Da sind Schulungen und Weiterbildungen unerlässlich.

Aktuell gibt es auch schon die Überlegung, ob man nicht einen Facharzt für digitale Medizin einführen sollte. Eben weil sich die Arbeitsweisen in den kommenden Jahren noch stärker verändern werden. Für den Arzt ist es eben auch eine andere Situation, wenn er nur noch per Video zu dem Patienten zugeschalten wird. Das ist eine andere, eine neue Art des Arbeitens und die muss man lernen. Deswegen ist es insgesamt wichtig, dass man das Thema Digitalisierung und IT in die medizinische Ausbildung aufnimmt – ob im Studium, während er Facharzt- oder Pflegeausbildung oder weiterbildend während des Berufsalltags. Wobei bei der letzten Möglichkeit immer berücksichtigt werden muss, dass die angesprochenen Berufsgruppen bereits an ihrer Belastungsgrenze arbeiten und oft nicht die zusätzliche Zeit aufbringen können.

Das Budget der Krankenhäuser, Ärzte, etc. fällt meist viel zu niedrig aus. Wie sollen da noch Weiterbildungen finanziert werden?

Strunz: Das ist wie so häufig eine Priorisierungsfrage. Ich meine, wie teuer ist es für ein Krankenhaus Prozesse einzuführen, die dann aber nicht genutzt werden? Langfristig würde man sicherlich Geld sparen, wenn man die Mitarbeiter durch Weiterbildungen von Anfang an mitnimmt. Wenn das nicht möglich ist, sollte man überlegen, ob man die neuen Anwendungen überhaupt einführt. Das Geld auszugeben, nur damit man sie hat, ist nicht zielführend. Der Bund könnte aber auch im Rahmen des KHGZ sicherstellen, dass ausreichend Gelder für Schulungen zur Verfügung stehen.

In welche Richtung sollte sich das Gesundheitswesen in Ihren Augen künftig entwickeln?

Strunz: Ich würde mir einerseits wünschen, dass das Thema Weiterbildung ernster genommen wird. Das jedes Digitalisierungsprojekt, jede Software-Einführung mit genug Budget unterstützt wird, um Ärzte, Pflegekräfte, aber auch Patienten direkt mitzunehmen. Ich kann es gar nicht oft genug betonen, es bringt nichts, Lösungen zu implementieren, mit denen keiner umgehen kann.

In Zukunft sollten darüber hinaus vermehrt ausländischer Fachkräfte bei offenen Stellen – egal ob in der IT oder Pflege – in Betracht gezogen werden. Die Migration, aber auch die Anerkennung ausländische Abschlüsse sollten dafür vereinfacht werden. Ansonsten werden wir bald einschneidende strukturelle Veränderungen im Gesundheitswesen erleben, weil beispielsweise Krankenhäuser aufgrund von Personalmangel geschlossen werden müssen. Um das zu verhindern, müssen wir uns öffnen.

Zudem muss das Thema Forschung vorangebracht werden. Mit den Daten der digitalen Patientenakten bietet sich uns die Chance, Therapieerfolge besser zu messen und Zusammenhänge von Krankheiten zu verstehen. Wir brauchen jedoch endlich die entsprechende gesetzliche Grundlage. Es dauert hierzulande teilweise Jahre, bis man Zugriff auf die Daten erhält. In den Staaten geht das beispielsweise schneller. Dort ansässige Healthcare-Startups und Forscher haben dadurch einen Vorteil.

Dr. Sophia Strunz
...ist Geschäftsführerin des Startups Hypercampus.

Bildquelle: Hypercampus

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