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Xpomet 2019

Mit Google Glass live dabei im OP

| Autor/ Redakteur: Michael Reiter / Kathrin Schäfer

14.000 angehende Mediziner und Ärzte haben eine Operation verfolgt, die Dr. Shafi Ahmed mit Google Glass auf der Nase durchführte. Durch die smarte Brille sieht man nicht nur durch die Augen des Operateurs, sondern kann ihm auch live Nachrichten senden. Über neue Technologien wie diese spricht Ahmed auf der Xpomet 2019.

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Der Chirurg Dr. Shafi Ahmed trägt im Oktober auf der Xpomet in Berlin vor. Als erster weltweit hat der Chirurg mit der Google-Brille und mit einem Online-Videostream operiert.
Der Chirurg Dr. Shafi Ahmed trägt im Oktober auf der Xpomet in Berlin vor. Als erster weltweit hat der Chirurg mit der Google-Brille und mit einem Online-Videostream operiert.
( Bild: Dr. Shafi Ahmed )

Dr. Shafi Ahmed ist ein Visionär – und das nicht nur, weil er im Operationssaal bisweilen mit einer intelligenten Brille anzutreffen ist. Der Chirurg, Unternehmer und Pionier in Sachen Lehrmethoden, engagiert sich für neue Technologien und deren weltweiten Einsatz in der Chirurgenausbildung. Er ist am Londoner Academic Centre of Surgery tätig und berichtet im Oktober auf der Xpomet in Berlin über seine Erfahrungen.

So führte Ahmed beispielsweise im Frühjahr 2017 die international erste Livestream-OP durch. Mit IT-Anbietern arbeitet er bei der Entwicklung der künftigen Medizinerausbildung zusammen – etwa im Kontext von virtueller Realität. In den vergangenen Jahren engagierte er sich in 35 Ländern mit Regierungsunterstützung an der Weiterentwicklung des Medizinstudiums und der medizinischen Versorgung. „Gerechter und wirtschaftlich realisierbarer Zugang zur Gesundheitsversorgung zählt zu den wichtigsten Zielen meiner Tätigkeit“, ist Ahmed überzeugt.

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Die Reisen in die vielen Ländern haben ihm gezeigt: Überall sind die Zwänge im Gesundheitswesen ähnlich – mit einer alternden Bevölkerung und steigender Erkrankungslast, beschränkten finanziellen Ressourcen bei wachsenden Kosten und einem Mangel an qualifiziertem Personal. Wie lässt sich hier Fortschritt erzielen? „Voneinander lernen – das Beste in allen Systemen identifizieren und daraus Innovationen schaffen“, so lautet sein Credo.

Als erster weltweit operierte der Chirurg mit der Google-Brille und mit einem Online-Videostream. Wie beurteilt er den potenziellen Beitrag der virtuellen Lehre und neuer Präsentationsformen für die Ausbildung in der Medizin? Können sie einen Beitrag zur rascheren Qualifizierung und zur Verbreitung des Wissens über neueste medizinische Methoden leisten? Dr. Ahmed ist sich sicher: „Im Kanon der vielen Technologien, die über tausende Jahre die Weitergabe des medizinischen Wissens geprägt haben, werden in den kommenden Jahren die IT-basierten Vermittlungsmethoden eine herausragende Stellung einnehmen.“

Operationen lassen sich heute live auf dem Smartphone verfolgen

Dr. Ahmed nennt Beispiele für die Vorteile neuer Technologien: „Betrachten wir meinen Einsatz von Google Glass seit 2014. Wir waren gewohnt, die Medizinerausbildung als Frontalunterricht zu betreiben. Wenn ich beim Operieren diese intelligente Brille trage, können angehende Mediziner oder Ärzte in der Fortbildung live die Operationen ‚mit meinen Augen‘ auf ihren Smartphones verfolgen. Sie können mir sogar Messages schicken, die mir in Google Glass gezeigt werden. Ich hatte 14.000 begeisterte Zuschauer“, freut er sich.

Als nächste Stufe holte Dr. Ahmed die Studenten in den Operationssaal – mit einer 360-Grad-Kamera. Während der Experte im OP Hightech einsetzte, erforderte die Wiedergabe an mobilen Endgeräten kein hohes technisches Verständnis oder Investment: ein Smartphone und Google Cardboard reichten aus. Weltweit nahmen 55.000 Zuschauer an diesem Eingriff teil. Der Experte: „Junge Leute wünschen neue Lernoptionen – so viel wurde durch diese Aktionen klar.“

So setzte er auch Snapchat Spectacles für Übertragungen ein – auf Plattformen, die junge Leute bevorzugen, wie Twitter und Snapchat. Auf BBC 5 war er ebenfalls live vertreten – jedoch eher für eine ältere Klientel. Rückt hierdurch der Patient aus dem Fokus? Verdrängt das Live-Streaming den Patienten aus dem Mittelpunkt? „Der Fokus bleibt“, versichert Dr. Ahmed; „erfahrungsbasierte Routine der Behandler stellt dies sicher“. Seine Sicht fasst er so zusammen: „Diese neuen Technologien realisieren die moderne Version des Amphitheaters der Griechen. Wir verfügen hiermit tatsächlich über die beste Methode für Ausbildung und Fortbildung.“

Die Innovation ist laut Ahmed nicht aufzuhalten: Man könne es nicht mehr verantworten, dass Studierende stundenlang im OP stehen und zusehen – sie verdienten weltweit höhere Standards in der Lehre, so die Handlungsaufforderung des Visionärs. Virtuelle Realität und Wearables trügen ihren Teil dazu bei. Das Studium solle ferner Kompetenzen zur Künstlichen Intelligenz vermitteln, so Ahmed. Welche Hürden sieht er in diesem Kontext? „Mein Krankenhaus unterstützt mich, und unsere Rechtsberater begleiten meine Nutzung neuester Technologien. So gut wie alle Kollegen und Patienten zeigen eine positive Einstellung. Stichhaltige Kritik hilft mir, meine Ansätze weiter zu optimieren.“ Natürlich ist auf Datenschutz und IT-Sicherheit ein Schwerpunkt zu legen. Für die Akzeptanz ist es hilfreich, wenn sich Systeme einfach bedienen lassen – insbesondere bei der „One-click generation“.

Das Gesundheitswesen liege technologisch am meisten zurück, so die Meinung des Chirurgen. Doch Innovationen fingen an zu greifen – das „revolutioniert unser Gebiet und macht unsere Arbeit äußerst spannend“. Mitunter sei dabei Pragmatismus gefragt, wenn Investitionsmittel knapp sind. Dabei, so Dr. Ahmed, rechneten sich üblicherweise Investitionen in Technologie etwa durch Effizienzgewinne. „Nicht jeden Patienten muss ein Arzt persönlich sehen; diagnostische Chatbots können Diagnostik und Therapie unterstützen und beschleunigen. Digitale Technologien sind essenziell in einer Zeit, in der die Flut an wissenschaftlichen Erkenntnissen immer mehr zunimmt und von keinem Mediziner mehr über Nachschlagewerke und Zeitschriften aufgenommen werden kann.“

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Devicemed.

* Michael Reiter ist Fachjournalist in Schoenfliess.

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