Suchen

Interview mit Daniel Nill, CEO bei Turbine Kreuzberg Mit der Blockchain wird die digitale Patientenakte ein Erfolg

| Redakteur: Peter Schmitz

Die Digitalisierung scheint im deutschen Gesundheitssystem noch nicht richtig angekommen zu sein. Die Realisierung der „elektronischen Patientenakte“ beschäftigt die Branche seit weit mehr als einem Jahrzehnt. Bezeichnend dafür, wie weit der Weg noch ist: Man spricht weiterhin von “Akten” – selbst wenn diese in elektronischer Form gemeint sind.

Firmen zum Thema

Im Interview mit Blockchain-Insider zeigt Daniel Nill, CEO bei Turbine Kreuzberg, wie eine digitale Patientenakte auf Basis der Blockchain-Technologie funktionieren kann.
Im Interview mit Blockchain-Insider zeigt Daniel Nill, CEO bei Turbine Kreuzberg, wie eine digitale Patientenakte auf Basis der Blockchain-Technologie funktionieren kann.
(© everythingpossible - stock.adobe.com)

Zu Beginn des Jahres wurden von den Krankenkassen erste digitale Lösungen für die Realisierung der Patientenakte vorgestellt, die meisten davon setzen auf eine zentrale Speicherung und bieten damit nur begrenzt eine Antwort auf drängende Fragen des Datenschutzes, der Datenhoheit und der Möglichkeiten zur Standardisierung. Dabei ließen sich mit Blockchains viele dieser Probleme leicht lösen.

Daniel Nill ist Geschäftsführer der Digitalagentur Turbine Kreuzberg, die sich unter anderem im Rahmen eines Studienprojektes in Kooperation mit der HTW Berlin mit dezentral strukturierten Ansätzen für die Patientenakte beschäftigt und ein alternatives, blockchainbasiertes Lösungskonzept entwickelt hat. Im Interview erläutert Nill, wie eine digitale Patientenakte auf Basis der Blockchain-Technologie funktionieren kann, und welche Weichen gestellt werden müssen, damit sie die Welt von Patienten und Branchenakteuren verbessert.

Was unterscheidet die aktuell erprobten Ansätze für die digitale Patientenakte am Markt in Deutschland von einer blockchainbasierten Lösung?

Daniel Nill: Alle bisherigen Ansätze basieren auf einem zentral betriebenen Speichersystem, das der Kontrolle einiger weniger Akteure unterliegt und durch herkömmliche, leider in der Regel anfällige Mechanismen abgesichert wird. Zudem ist in den aktuell erprobten Ansätzen die Art der Datenübertragung nicht eindeutig geregelt. Eine auf dezentralen Ledgern betriebene Lösung auf der anderen Seite wäre offen für Erweiterungen, kompatibel zu nutzerzentrierten Identitätsstandards – was Insellösungen vermeiden würde – und nicht von sekundären Sicherheitslücken betroffen.

Muss es immer eine Blockchain sein? Gibt es Alternativen?

Nill: Neben der Frage nach Identität und Zugriffsrechten, die sich mit Hilfe von Blockchains ideal abbilden lassen, ist die sichere Dateiablage die relevanteste Kernfunktionalität einer digitalen Patientenakte. Wir haben beispielsweise im Rahmen eines Studienprojektes mit der HTW Berlin einen alternativen Lösungsansatz für die Speicherung von Patientendaten ausgearbeitet. Um verschlüsselte Daten nachweislich sicher und verteilt zu speichern, nutzen wir in unserer Lösung das P2P-basierte Filesystem IPFS, das neben einer beliebig großen Kapazität einen nicht von zentraler Stelle kompromittierbaren Zugang zu Ressourcen mitbringt und sich leicht erweitern lässt.

Das Thema digitale Patientenakte ist seit über 15 Jahren in der Mache. Blockchain-Technologien wiederum vergleichsweise neu. Ist die Realisierung eines blockchainbasierten Instruments für dieses Thema in absehbarer Zeit realistisch?

Nill: Die elementaren Bestandteile einer Infrastruktur für Patientenakten sind Identität, Datenhaltung, Durchsuchbarkeit, rollenbasierte Freigabe, Skalierung und Sicherheit. Das klassische Vorgehen der letzten 15 Jahre beschränkte sich darauf, die Fragen zu diesen Aspekten in einem zentralisierten Umfeld zu beantworten. Blockchain-Technologien wie Ethereum bieten bereits heute eine offene Grundlage zur Beantwortung der meisten dieser Fragen, ohne dass man rechtliche Konstrukte und Zertifizierungen zur Absicherung der Lösung neu erfinden muss. Die größten Herausforderungen sind daher Skalierung und Durchsuchbarkeit, die von Drittanbietern und Ledger-Technologie der nächsten Generation bereits angegangen werden. Ein Testnetz könnte optimistisch betrachtet bereits 2022 in Betrieb genommen werden.

Ob eine blockchainbasierte Lösung für die Patientenakte in absehbarer Zeit wirklich umgesetzt werden kann, hängt letztlich aber vom (politischen) Willen ab. Ein Blick in das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG), das kürzlich verabschiedet wurde, zeigt, dass das Thema digitale Patientenakte weiter aufgeschoben wird. Es wird Zeit, dass Akteure und politisch Verantwortliche der Gesundheitsbranche alte Zöpfe abschneiden und ergebnisoffen über die in den vergangenen Jahren entwickelten Technologien und deren Einsatzmöglichkeiten sprechen. Ist der Wille einmal da neue Wege zu gehen, finden sich leicht auch Akteure, die das in die Tat umsetzen können.

Wie kann eine Realisierung blockchainbasierter Lösungen für die digitale Gesundheitsakte aussehen? Was wären die nächsten Schritte?

Nill: Der wichtigste Schritt ist zu zeigen, dass eine Lösung auf Blockchain-Basis funktionieren kann. Der elementare Baustein zur Akzeptanz ist die Feststellung von Identität in verteilten Anwendungen. Hierfür ist es notwendig, dass die Bundesregierung Standards für die Zertifizierung von staatlich geprüften Identitäts-Claims herausgibt und Werkzeuge für ihre leichte Verwendbarkeit unterstützt und empfiehlt. Darauf folgt die Frage, welche Konsenstechnologie am besten geeignet sowie skalierbar ist. Dies evaluieren wir gerade auch im Rahmen unseres Gemeinschaftsprojektes mit der HTW Berlin. Wahrscheinlich lässt sich die Skalierung nur durch ein Proof-of-Authority-Verfahren bewerkstelligen.

Welche Nachteile hätte eine blockchainbasierte Lösung?

Nill: Die Frage nach konsensfähiger Skalierbarkeit ist heute nicht abschließend beantwortet. Sicher ist, dass etwa die Kapazität des Ethereum Mainnets bei weitem nicht ausreichen würde, die Menge an Meta-Transaktionen beim flächendeckenden Einsatz zu schreiben. Ein weiterer Nachteil, der juristisch neu zu bewerten wäre, ist das Gedächtnis eines Ledgers: Transaktionen können niemals gelöscht werden, Daten auf einem P2P-Filesystem “verschwinden” nur unter Vorbehalt nach einigen Tagen oder Wochen. Das ist nicht tragisch, solange man die Daten ausreichend stark verschlüsselt. Es kann aber im Zeitalter des Quantencomputings zu einer desaströsen Offenlegung aller Daten führen. Davon sind allerdings auch alle anderen Technologien betroffen.

Wie flexibel ist Blockchain als Technologie? Können Blockchainsysteme angepasst werden, etwa wenn sich die Gesetzgebung ändert?

Nill: Eine Blockchain ist eine unveränderliche Abfolge von Transaktionen und deren Inhalt kann niemals nachträglich geändert werden. Interledger-Projekte wie Polkadot arbeiten aber sehr erfolgreich daran, Interoperabilität zwischen den Technologien herzustellen, sodass man durchaus eine neue Technologie einführen kann, ohne die alten Transaktionen zu verlieren. Es ist definitiv seitens des Gesetzgebers nicht möglich, nachträglich “Löschanfragen” an den Ledger zu stellen, aber es ist durchaus möglich, im Rahmen einer Contract-Migration die Regeln, nach denen zum Beispiel Zugriffe möglich werden, neu zu definieren.

Die Diskussion dreht sich unter anderem darum, wie Patienten die Hoheit über ihre Daten wahren können. Wären Daten bei dezentraler Speicherung löschbar?

Nill: Die aktuelle Infrastruktur für die digitale Patientenakte taugt nicht für die selbst-souveräne Speicherung von Patientendaten. Erst wenn alle Daten wirklich nur durch eine dezentral verankerte Identität des Patienten zugreifbar werden, kann man von echter Datenhoheit sprechen. Der finale dezentrale Speichergedanke wäre, dass jeder Teilnehmer im Besitz seiner Daten ist, sie aus Anwendungszwecken aber stets (verschlüsselt und obfuskiert) mit einer großen Menge von anderen Teilnehmern teilt. Eine “Löschanfrage” ist in einem solchen Netzwerk zwar nicht verbindlich, doch da alleine keiner der Teilnehmer etwas mit den Datenfragmenten anfangen kann, werden sie in der Regel zügig durchgesetzt.

Ärzte klagen seit vielen Jahren über den technischen Mehraufwand, den die digitale Patientenakte für ihre Praxen bedeutet. Würde eine blockchainbasierte Lösung hier die Probleme noch verschlimmern?

Nill: Die Blockchain ist vorrangig eine Infrastrukturtechnologie, ohne besondere Implikation für deren Handhabbarkeit. Um diese Technologie nutzen zu können, müssen Ärzte oder Patienten keine Cracks sein. Eine benutzerfreundliche Oberfläche einer Blockchain kann genauso eine App sein wie ein Zugang via Webbrowser. Ärzte könnten daher mit einem blockchainbasierten System genauso interagieren wie mit einer klassischen zentralisierten Applikation, aber sie wären nicht mehr notwendigerweise von der Software-Lösung eines einzelnen Anbieters abhängig.

Über Daniel Nill: Daniel Nill ist CEO bei Turbine Kreuzberg und begleitet Unternehmen bei der Entwicklung von Digitalstrategien von der Implementierung neuer Vertriebskanäle bis zur Veränderung des bestehenden Geschäftsmodells. Sein Schwerpunkt ist das Geschäft im B2B-Bereich sowie im Raum Süddeutschland, Österreich, Schweiz. Daniel Nill leitet den Unternehmensstandort Stuttgart.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 46323468)