KBV: „Ärzte sind extrem verärgert“ Mehr Stabilität und Transparenz

Von Susanne Ehneß

Rund um die Telematikinfrastruktur gibt es seit Jahren Rückschläge und Kritik. Mit einem für alle einsehbaren Live-Monitoring und einem Expertenpool will sich die gematik das Vertrauen zurückholen. Es wird höchste Zeit, denn die Ärzte sind laut KBV angesichts unreifer Anwendungen zunehmend enttäuscht.

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(v. l.) Der KBV-Vorstand Dr. Stephan Hofmeister, Dr. Andreas Gassen, Dr. Thomas Kriedel
(v. l.) Der KBV-Vorstand Dr. Stephan Hofmeister, Dr. Andreas Gassen, Dr. Thomas Kriedel
(© axentis.de / Lopata)

Der jüngste ernüchternde Vorfall bei der Digitalisierung und Vernetzung der Akteure im Gesundheitswesen betraf das elektronische Rezept (eRezept). Die Anwendung wurde buchstäblich im Endspurt ausgebremst und kam nicht, wie geplant, zum Jahresbeginn 2022 in die Anwendung, sondern wird nun weiter getestet.

Der Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg) forderte daraufhin die Bundesregierung auf, die gematik offiziell mit der Koordinierung des digitalen Rezepts zu betrauen. Zwar ist die gematik, die die Telematikinfrastruktur (TI) betreut, mit dem Projekt „eRezept“ bereits intensiv verbunden, bislang aber nicht für den privatwirtschaftlichen Bereich zuständig. Ein darüber hinausgehendes Engagement ist laut gematik aber derzeit nicht angedacht.

Interoperabilität

Gleichwohl möchte das Berliner Unternehmen, dessen Hauptgesellschafter mit 51 Prozent das Bundesgesundheitsministerium ist, verstärkt in Transparenz und Stabilität investieren. Die gematik hat angekündigt, im Laufe des Jahres einen Expertenpool aufbauen zu wollen, der sich um die Interoperabilität kümmert.

„Ein gemeinsamer Schwerpunkt wird die Revision bestehender Profile, Leitfäden und Standards sein. Aber auch die Beratung hinsichtlich zukünftiger Anforderungen aus Sicht der digital unterstützten integrierten Versorgung steht im Fokus“, erläutert Stefan Höcherl, Leiter Strategie und Standards bei der gematik, die Ziele des neuen Gremiums.

Gesucht werden Personen mit fachlich entsprechender methodischer Aus- oder Weiterbildung, praktischer Qualifikation im Bereich Digital Health oder Praxiserfahrung in der medizinischen Versorgung oder Forschung mit Blick auf die medizinische Dokumentation oder Medizininformatik. Die Teilnahme am Expertenpool ist auf sechs Jahre beschränkt. Weitere Infos zum Expertenpool und zur Bewerbung gibt es online.

Transparenz

Der Status der gesamten TI war bislang nur der betreibenden gematik bekannt. Das ändert sich nun, denn ab sofort können alle Nutzer die Erreichbarkeit der verschiedenen Dienste live verfolgen – auf einem online abrufbaren Monitoring-Lagebild. Ist ein Service – wie eRezept, ePA oder KIM – nicht erreichbar, gibt es eine rote Warnmeldung. Und: Mit einem Klick auf die einzelnen Services kommt man zu deren Anbietern.

Die Erreichbarkeit der TI-Dienste wird alle fünf Minuten getestet. „Diese neue Form der Transparenz wird dazu beitragen, die Stabilität der TI weiter nachhaltig positiv zu fördern“, ist sich Björn Kalweit, Chief Operations Officer bei der gematik, sicher. Die Anwender könnten auftretende Fehlfunktionen dadurch schnell einordnen und gegebenenfalls daraus resultierende Maßnahmen zügig einleiten.

Monitoring der TI: Bei Grün ist der jeweilige Dienst erreichbar
Monitoring der TI: Bei Grün ist der jeweilige Dienst erreichbar
(© gematik)

Vertrauen

Die Investition in stabile Dienste und transparente Abläufe kommt keinen Tag zu früh. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die Mitgesellschafter der gematik ist, spricht im Zuge nicht funktionierender elektronischer Gesundheitskarten von einem „Desaster“. Die KBV hatte im Vorfeld vermehrt Berichte von Praxen erhalten, bei denen die Kartenterminals lahmgelegt wurden. Betroffen waren hier offenbar Near-field-communication-fähige Karten der Generation 2.1. „Werden sie in ein bestimmtes Kartenterminal eines zugelassenen Herstellers gesteckt, scheint es eine elektrostatische Entladung zu geben“, beschreibt die KBV. Die Entladung habe zur Folge, dass das Kartenterminal einen Neustart brauche – und zwar jedes Mal, wenn die benannten Karten eingeführt werden.

Der KBV-Vorstand Dr. Andreas Gassen, Dr. Stephan Hofmeister und Dr. Thomas Kriedel forderte die gematik auf, dieses Problem sofort und umfassend zu lösen. „Umfassend bedeutet, dass es nicht die Ärzte sein dürfen, die das von ihnen nicht zu verantwortende Problem lösen sollen, etwa durch zusätzliche Arbeitsschritte. Außerdem müssen wir uns auf Zulassungen und Bestätigungen durch die gematik verlassen können. Dieses Grundvertrauen ist nun zum wiederholten Mal stark erschüttert worden“, erklärte Kriedel.

„Die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen sind extrem und zu Recht verärgert“, ergänzte der Vorsitzende Dr. Andreas Gassen. „Dieses neuerliche Desaster zeigt, wie wichtig es ist, Komponenten vor der Einführung ausreichend zu testen“, betonte KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister.

Ärzte sind „zunehmend enttäuscht“

Wie die KBV ausführt, stünden die niedergelassenen Ärzte und Therapeuten der Digitalisierung weiterhin offen gegenüber, zeigten sich aber „angesichts unreifer und wenig praxistauglicher Anwendungen“ zunehmend enttäuscht. Dies gehe auch aus der aktuellen Studie „PraxisBarometer Digitalisierung 2021“ hervor, das das IGES Institut zum vierten Mal im Auftrag KBV durchgeführt habe.

Laut Studie berichten immer mehr Niedergelassene von der Fehleranfälligkeit der TI. 50 Prozent der befragten Praxen hätten mindestens wöchentlich mit Fehlern bei der TI-Nutzung zu kämpfen. Und der Anteil derer mit täglichen Störungen habe sich mit 18 Prozent sogar verdoppelt.

„Ausfälle und technische Mängel sorgen nicht nur für Frust und Mehraufwand, sie setzen auch die generelle Akzeptanz der Digitalisierung aufs Spiel“, führte Kriedel aus und ergänzte, es werde jetzt deutlich mühevoller, Überzeugungsarbeit zu leisten: „Ich hoffe, dass sich Politik, gematik und Industrie darüber im Klaren sind."

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