Pflegenotstand Krise im Pflegesektor: Start-ups als Retter in der Not?

Von Eckhardt Weber*

Der Pflegenotstand in Deutschland spitzt sich zu. Seit Beginn der Pandemie stoßen immer mehr Pflegekräfte an ihre Belastungsgrenzen. Es braucht mehr denn je smarte Lösungen, die für eine Entlastung sorgen. Start-ups könnten diese nun liefern.

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Die wenigsten Pflegekräfte haben noch Freude an ihrem Beruf, da sie chronisch überlastet sind. Healthcare-Start-ups sorgen mit verschiedenen Lösungsansätzen für Erleichterungen.
Die wenigsten Pflegekräfte haben noch Freude an ihrem Beruf, da sie chronisch überlastet sind. Healthcare-Start-ups sorgen mit verschiedenen Lösungsansätzen für Erleichterungen.
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Der Pflegesektor in Deutschland steht in mehrfacher Hinsicht vor großen Herausforderungen. So ist die Pflege aktuell einer der Bereiche, der besonders stark unter der Corona-Pandemie leidet. Infolge der hohen Belastungen kommt es immer häufiger zu Stress und Überforderung des Pflegepersonals. Es fehlt dabei in erster Linie an ausreichend Pflegekräften.

Während in Deutschland etwa 1,7 Millionen Menschen in der Kranken- und Altenpflege beschäftigt sind, liegt die Zahl der Pflegebedürftigen bei etwa 4,5 Millionen und ist damit mehr als doppelt so hoch. Mit rund 80 Prozent entfällt ein Großteil davon auf die ambulante Pflege. Die restlichen knapp 20 Prozent werden stationär gepflegt. Dieser Trend wird sich vor dem Hintergrund einer steigenden Lebenserwartung und einer zunehmend alternden Bevölkerung voraussichtlich weiter verstärken. Aus neuen Hochrechnungen für den Barmer Pflegereport geht hervor, dass bis 2030 rund sechs Millionen Menschen pflegebedürftig sein werden – über eine Millionen mehr als bisher angenommen.

Auch wenn von vielen Seiten in erster Instanz eine bessere Bezahlung für Pflegekräfte gefordert wird, lässt sich die anspruchsvolle Arbeit nicht allein durch höhere Löhne kompensieren. Vielmehr müssen auch das Arbeitsumfeld sowie physische und psychische Belastungen bei Lösungskonzepten adressiert werden. Hier spielt vor allem das Thema Anerkennung und Wertschätzung eine wichtige Rolle.

Die akuten Probleme in der Pflegebranche können Start-ups mit ihren meist digitalen Lösungen sicher nicht allein lösen, dennoch können sie einen wesentlichen Beitrag leisten.

Pflege-Start-ups: Next Generation

Vor einigen Jahren gab es bereits eine erste Welle junger Unternehmen, die sich auf das Terrain (Alten-)Pflege gewagt haben. Die anfangs großen Ambitionen konnten der Realität jedoch in den meisten Fällen nicht standhalten. Ein Grund hierfür war beispielsweise die schlechte, zum Teil sogar fehlende digitale Infrastruktur in Pflegeeinrichtungen. So verfügen manche Krankenhäuser und Pflegeheime nicht einmal über WLAN. Selbst bei vorhandener Technik adressierten bisherige Lösungen vielfach nicht ausreichend die konkreten Probleme der Beteiligten. Die großen Erfolge blieben aus.

Mittlerweile hat eine neue Generation Start-ups aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und ist bestrebt, es dieses Mal besser zu machen. In den letzten Jahren sind zahlreiche neue Lösungen entwickelt worden, die Hoffnung machen. Dabei muss allerdings zwischen der stationären und der ambulanten Pflege unterschieden werden. Bei letzterer noch einmal zwischen Angehörigenpflege und professioneller Pflege durch Fachkräfte. In einem ersten Schritt übernehmen häufig Familie und Freunde die Pflege. Ist dies ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr möglich, übernimmt ein professioneller Pflegedienst. Die letzte Stufe ist dann das Pflegeheim. Die Kosten nehmen dabei analog zur Pflegestufe zu.

Lösungen mit Potenzial

Viele Start-ups konzentrieren sich mit ihren Lösungsmodellen derzeit vor allem auf die ambulante Pflege. Für pflegende Angehörige ist hier die Erleichterung in den Bereichen Bürokratie und Organisation ein Fokusthema, etwa wenn es um die Beantragung von Dokumenten, die Beschaffung von Pflegematerial oder die richtige Einnahme von Medikamenten geht. Das Start-up ucura hilft beispielsweise als digitaler Pflegebegleiter dabei, den komplizierten Erstantrag auf Pflege in unter 20 Minuten zu erstellen. Für die Zukunft sind weitere Funktionen geplant, etwa eine optimierte Pflegesituation der Patienten und die Übernahme von organisatorischen Aufgaben wie Materialbestellungen. Eine ähnliche Richtung schlägt die App nui care ein, eine digitale Kommunikationslösung, die auch bei der Pflegeorganisation unterstützt.

Ebenso entstehen aktuell einige DiPAs, also digitale Pflegeanwendungen, die helfen sollen, den Pflegealltag besser zu bewältigen. Sie lassen sich entweder als App auf mobilen Endgeräten oder als browserbasierte Web Anwendungen am Computer nutzen. Besonders nützlich sind DiPAs etwa für die Vernetzung der Pflegenden untereinander. Mit einer App können sich Pflegende, Hausarzt und – falls beteiligt – der Pflegedienst jederzeit austauschen, sodass ein reibungsloser Pflegealltag ermöglicht wird.

Spannend wird es aber sicherlich, wenn DiPAs auch für die Patienten einen Mehrwert bieten, zum Beispiel im Bereich kognitive Förderung, Medikamentenmanagement oder mentale Gesundheit. Wichtig wird es sein, die Lösungen gut in den Pflegealltag einzubinden und auch Pfleger und Krankenkassen abzuholen. Hier bietet Entyre digitale Produkte, die schon von vielen Versicherungen eingesetzt werden.

Auch im stationären Bereich, hier zum Beispiel beim Entlass-Management und der telemedizinischen Versorgung, tut sich etwas. Lösungen treiben dabei insbesondere britische Start-ups aktiv voran, weil dort die Krankenhauskapazitäten knapp sind. Ein Beispiel ist hier das Unternehmen für virtuelle Krankenstationen, doccla, welches eine Plattform zur Fernüberwachung von Patienten anbietet, so eine frühzeitige Entlassung aus dem Krankenhaus ermöglicht und auf diese Weise neue Kapazitäten freisetzt. Durch den Einsatz von tragbaren medizinischen IoT-Geräten schafft die virtuelle Station von doccla so eine einwandfreie Patientenüberwachung. Ein weiteres Vorbild aus dem angelsächsischen Raum, allerdings im Bereich der Pflegedienste, ist das britische Unternehmen Birdie, das eine Software zur Teamorganisation und dem Wissensmanagement speziell für die Pflege entwickelt hat.

Gesundheit im Fokus

Auch 2022 bietet verheißungsvolle Aussichten. Folgende Start-ups lohnt es sich im kommenden Jahr im Auge zu behalten: Clinomic schafft mit Mona, dem intelligenten Assistenzsystem für die Intensivstation, ein Upgrade der Intensivpflege durch modernste KI-Algorithmen. Das 2016 gegründete Unternehmen Caspar will mit der App Caspar Health medizinische Einrichtungen bei der Durchführung von Online-Therapiemaßnahmen und der Sicherstellung des Therapieerfolgs während und nach der Reha unterstützen. Die Plattform für digitales Entlass-Management, Recare, sucht, findet und koordiniert Kapazitäten für optimale Versorgungspfade. Damit will das 2017 in Berlin gegründete Start-up schon heute bestmögliche Überleitungsprozesse vom Krankenhaus in die Nachversorgung schaffen und dafür sorgen, dass mehr Zeit für die Pflege der Patienten bleibt.

Fazit

Den Pflegenotstand können auch diese Start-ups nicht von einem Tag auf den anderen beheben – erst recht nicht im Alleingang. Allerdings entstehen aktuell immer mehr Lösungen, die das Potenzial haben, Bürokratie zu verringern und die Pflege im Allgemeinen effizienter zu gestalten. Gerade in den Bereichen Administration und Telemedizin kann mittels solcher Lösungen für eine echte Entlastung des Pflegepersonals gesorgt werden. Dabei steht vor allem die ambulante Pflege im Fokus, wobei sich auch im stationären Bereich Entwicklungen andeuten.

Fakt ist: Die Pflege ist ein wichtiger Pfeiler unserer Zukunft, bei dem der zwischenmenschliche Faktor eine essenzielle Rolle spielt. Dieser emotionale Aspekt, wie auch die noch hohe Komplexität in diesem Bereich, kann von keiner Technologie vollständig abgelöst werden. Gleichwohl sind moderne, digitale Lösungsansätze unabdingbar, um die brenzlige Lage im Pflegesektor in den Griff zu bekommen. Im weiteren Verlauf der Pandemie, die auf noch unabsehbare Zeit andauern wird, gilt es außerdem, verstärkt darauf zu achten, dass das Arbeitsumfeld von Pflegekräften möglichst positiv bleibt. Auch hier helfen technologische Ansätze dabei, Ressourcen bestmöglich zu nutzen – damit Pflegekräfte beispielsweise ihre Überstunden abbauen und Urlaub nehmen können.

Im Großen und Ganzen wird die Digitalisierung der Pflege zunächst nur in kleineren Schritten erfolgen. In Summe haben die beschriebenen Lösungen dann aber einen nachhaltig positiven Einfluss auf die Bewältigung der Pflegesituation in Deutschland.

Der Autor
Eckhardt Weber ist General Partner des HealthTech VC Heal Capital und auf der Suche nach weiteren Healthcare-Partnern.

Bildquelle: Heal Capital

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