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Interview zur Digitalisierung in Arztpraxen IT als Arzthelferin und Therapiehilfe

| Autor: Ira Zahorsky

Der Psychologische Psychotherapeut Michael Cramer hat schon früh begonnen, technische Innovationen in seiner Praxis einzuführen und weiß die Vorteile zu schätzen. Mit Healthcare Computing hat er über seine Motive für die Nutzung, die Implementierung, den Einsatz in der täglichen Praxis sowie über Erfahrungswerte mit Videosprechstunden gesprochen.

Das persönliche Gespräch mit dem Arzt oder Psychotherapeuten ist immer noch der Goldstandard. Doch Videosprechstunden gewinnen in Ausnahmesituationen wie der Corona-Pandemie schnell an Bedeutung.
Das persönliche Gespräch mit dem Arzt oder Psychotherapeuten ist immer noch der Goldstandard. Doch Videosprechstunden gewinnen in Ausnahmesituationen wie der Corona-Pandemie schnell an Bedeutung.
(Bild: © Prostock-studio - stock.adobe.com )

Obwohl seit Oktober 2019 gesetzlich erlaubt, war das Angebot an Videosprechstunden bei Psychotherapeuten und Ärzten bislang eher spärlich. Die Corona-Pandemie hat aufgezeigt, wie wichtig ein digitales Angebot parallel zum persönlichen Gespräch ist. Aber auch automatisierte Telefon- und Terminvergabesystseme können im Praxisalltag viel Zeit sparen und Kosten reduzieren.

Herr Cramer, ruft man bei Ihnen in der Praxis an, nimmt eine Künstliche Intelligenz den Anruf entgegen, es gibt ein Online-Terminsystem für Erstgespräche und die Möglichkeit zur Videosprechstunde. Seit wann bauen Sie schon auf digitale Unterstützung in Ihrer Praxis und warum haben Sie sich dafür entschieden?

Michael Cramer: Termine für Erstgespräche vergebe ich seit 2016 nur noch über das Online-Buchungssystem meiner Homepage. Videositzungen gibt es seit 2019 und die KI nimmt im Rahmen eines Evaluationsprojekts der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) seit 2020 Anrufe entgegen. Aktuell bin ich dabei, auch bestimmte diagnostische Abläufe in meiner Praxis zunehmend zu digitalisieren.

Als Psychotherapeut arbeite ich, wie die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen, als Einzelkämpfer. Eine Praxisassistenz zu beschäftigen lohnt sich finanziell für mich nicht. In ihren Ausfallzeiten, wie Urlaub und Krankheit, müsste ich zudem die delegierten Arbeiten selbst wieder übernehmen. Vor diesem Hintergrund ergab es für mich mehr Sinn, zu versuchen, Arbeitsschritte und Zeitaufwand mithilfe digitaler Tools zu reduzieren und darauf zu achten, dass sie selbst in ihrer Summe kostengünstiger sind und weniger wahrscheinlich ausfallen. Online-Terminbuchungen, Telefon-KI und digitale Diagnostik sollen diesem Zweck dienen.

Darüber hinaus geht es mir aber auch um die Verbesserung der Versorgung meiner Patientinnen und Patienten. Hier kommen die Videositzungen ins Spiel. Es kann viele Gründe geben, warum jemand nicht in meine Praxis kommen kann. Der Babysitter fällt aus, jemand hat sich erkältet, das Auto streikt. Junge Menschen orientieren sich während der Therapie beruflich oder privat um und ziehen in eine andere Stadt, in der sie nicht sofort einen neuen Therapieplatz finden. Andere sind aus beruflichen Gründen viel unterwegs und können nicht zu jedem Termin in die Praxis kommen. Und für Menschen mit gravierenden körperlichen Einschränkungen kann es eine Zumutung sein, den Weg in die Praxis auf sich zu nehmen. In all diesen Situationen kann die Kontinuität der Behandlung durch Videositzungen gesichert werden.

Sind die erwarteten Vorteile eingetreten?

Michael Cramer: Eine riesige Entlastung war die Einführung der Online-Terminvergabe für Erstgespräche. Vorher hatte ich noch die klassische Warteliste: Wenn Therapieinteressierte anriefen, musste ich zunächst ihre Daten aufnehmen und sie auf diese Liste schreiben. Wenn dann irgendwann ein Termin frei wurde, fing ich oben in der Liste an und versuchte, die jeweiligen Personen telefonisch zu erreichen. Manche waren nicht erreichbar, manche hatten an dem betreffenden Tag keine Zeit, manche hatten mittlerweile einen Therapieplatz gefunden. Bis ich den frei gewordenen Termin vergeben hatte, verbrachte ich nicht selten eine halbe Stunde oder länger am Telefon. Das war völlig ineffizient und entsprechend frustrierend. In dieser Zeit erledige ich heute sinnvollere Dinge.

Ähnliches gilt für die Annahme von Telefonaten durch die KI. Sie versucht das Anliegen, das die Anruferin oder der Anrufer nennt, zu erkennen und einer passenden Antwort zuzuordnen. Die Zeit, die ich selbst am Telefon verbringen muss, konnte ich seit der Einführung des Systems um rund 90 Prozent reduzieren.

Und Videositzungen konnten im Lockdown der Coronakrise beweisen, wie hilfreich sie zur Sicherung der Behandlungskontinuität sind. Gerade in dieser Zeit, in der die Belastung der Menschen durch Ängste und Einschränkungen besonders hoch war, erwiesen sich Videositzungen für mich als das Mittel der Wahl, um sie weiterhin unterstützen und stabilisieren zu können.

Gab es auch Hindernisse bei der Implementierung?

Michael Cramer: Bis 2019 gab es ein striktes Fernbehandlungsverbot. Videositzungen waren nicht erlaubt. Diese Hürde wurde durch die Schaffung neuer rechtlicher Rahmenbedingungen gesenkt. Heute darf ich Videositzungen, bei Beachtung bestimmter Vorgaben, durchführen und mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Sie sind jetzt ein normaler Bestandteil unseres Gesundheitssystems.

Bei allen digitalen Neuerungen spielt der Datenschutz eine große Rolle, an den im Gesundheitssystem besonders hohe Anforderungen gestellt werden. Die ärztliche Schweigepflicht ist ein wertvolles Gut, das besonders geschützt werden muss. Deshalb dürfen in bestimmten Bereichen des Praxisalltags ausschließlich digitale Anwendungen genutzt werden, die von der Kassenärztlichen Vereinigung zertifiziert sind. Dazu gehören unter anderen die Praxisverwaltungssoftware und die Videodienstanbieter.

Die Anschaffungskosten, die laufenden Kosten und die Dauer der Vertragsbindung sind für mich natürlich immer Kriterien, die ich bei der Einführung neuer Tools beachte und die ein Hindernis darstellen können. Das Ganze muss sich schließlich auch rechnen.

Nimmt die Inbetriebnahme und das Vertrautmachen mit den digitalen Helfern sehr viel Zeit in Anspruch? Lohnt sich der Aufwand im Verhältnis zur späteren Zeiteinsparung?

Michael Cramer: In der Regel gibt es ja bei SaaS-Anbietern (SaaS = Software as a Service; Anmerkung d. Red.) einen kostenlosen Testzeitraum. Den nutze ich gerne. Eigentlich merke ich dann schon nach wenigen Minuten, ob mich die Einarbeitung in das jeweilige Testangebot nervt oder ob es so intuitiv ist, dass es sofort Spaß macht, damit zu arbeiten. Am Ende finden nur solche Tools ihren Weg in meine Praxis, bei denen die Inbetriebnahme und das Vertrautmachen schnell und unkompliziert geht. Wenn ich mich für eine komplexere App entscheide, dann muss es mir schon richtig Spaß machen, mich hineinzufuchsen. Insgesamt spare ich hinterher jedenfalls viel mehr Zeit, als ich für die Einführung des neuen Systems benötige. Diesen Aspekt behalte ich bei der Auswahl und auch später, im laufenden Betrieb, immer im Auge.

Wie klappt der Einsatz im täglichen Betrieb? Funktionieren die Systeme? Und gibt es Unterstützung von den Krankenkassen oder der KBV im Rahmen des Projekts Zukunftspraxis?

Michael Cramer: Im Großen und Ganzen funktionieren die Systeme zuverlässig. Häufige Störungen gab es während des Lockdowns in der Coronakrise bei den Videositzungen wegen der Überlastung der Server und Netze. Das nach wie vor nicht überall gut ausgebaute Internet in den sehr ländlichen Gegenden rund um meinen Praxissitz herum war in dieser Hinsicht aber schon vor Corona eine Herausforderung. Ich hoffe, dass man dem Breitband-Ausbau als Konsequenz aus dieser Zeit nochmal etwas mehr Schub verleihen wird.

Die Telefon-KI Aaron.ai teste ich im Rahmen des Projekts Zukunftspraxis der KBV, das es ermöglicht, diese Anwendung ein Jahr lang kostenlos zu testen. In gewissen Abständen holen Hersteller und KBV Feedback von uns Teilnehmenden ein, um zu erfahren, inwiefern das Tool nützlich für uns ist und was verbessert werden kann. Dass bei einem solchen Projekt nicht immer alles gleich funktioniert, ist ja gerade Bestandteil der Erprobung und deshalb nicht schlimm. Ich weiß ja, worauf ich mich einlasse, wenn ich mich freiwillig für die Teilnahme an einem Evaluationsprojekt bewerbe.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Patienten mit der Telefon-KI, dem Online-Terminsystem und der Videosprechstunde zurechtkommen.

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Über den Autor

 Ira Zahorsky

Ira Zahorsky

Redakteurin und Online-CvD, IT-BUSINESS