Der Public Sector: „Eine Welt für sich“ Ionos: Neue Projekte, neue Partner und Gaia-X

Autor: Melanie Staudacher

Auf den öffentlichen Sektor hat Ionos einen strategischen Fokus gelegt. Gleich drei neue Projekte unterstützt der Cloud Provider, um die Digitalisierung an Schulen und Behörden voranzutreiben. Besonders spannend wird es demnächst bei Gaia-X.

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Ionos Cloud arbeitet mit Partnern verstärkt im Public Sector.
Ionos Cloud arbeitet mit Partnern verstärkt im Public Sector.
(Bild: Dapitart - stock.adobe.com)

Mit seinem Weggang nach nur sieben Monaten bei Ionos Cloud hinterlässt Christian Böing rund 100 Partner, die ab sofort unter der Federführung von Martin Endress betreut werden.

Martin Endress übernimmt als Nachfolger von Christian Böing die Verantwortung für Ionos Cloud.
Martin Endress übernimmt als Nachfolger von Christian Böing die Verantwortung für Ionos Cloud.
(Bild: WWW.CHRISTOFMATTES.COM)

Endress ist bereits seit Oktober 2019 als Chief Customer Officer bei Ionos tätig. Besonderes Augenmerk legt der Cloud-Anbieter mittlerweile auf die Arbeit im öffentlichen Sektor. Wie Endress erklärt, ist dabei die Zusammenarbeit mit Partnern essenziell, da der Public Sector „eine eigene Welt für sich ist“ und eine hohe Expertise erfordert. „Wir haben die Kommunalebene, die Länderebene, die Bundesebene und die EU-Ebene. Auf jeder Ebene gibt es verschiedene Anforderungen, wie bestimmte Zertifizierungen, die ein Provider vorlegen muss. Auch die Ausschreibungen der Projekte sind auf den Ebenen oft unterschiedlich.“

Als die wichtigsten Partner nennt Endress die Systemhäuser Bechtle, Dataport und Capgemini. In der Zusammenarbeit profitiert Ionos von deren Erfahrung im öffentlichen Bereich. Das Team um Timo Deister als Head of Public Sales arbeitet aktuell an drei großen Projekten.

1. HPI Schul-Cloud

Seit 2016 entwickelt das Hasso-Plattner-Institut die HPI Schul-Cloud. Unterstützt wird das Institut dabei vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die Cloud soll die technische Grundlage dafür schaffen, dass Lehrkräfte und Schüler über jedes Gerät die digitalen Inhalte ohne besondere technische Vorkenntnisse nutzen können. Zu Beginn des Projekts stand die Cloud lediglich den sogenannten MINT-Schulen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) zur Verfügung, da es mit MINT-EC, dem nationalen Excellence-Schulnetzwerk, gestartet wurde. Als Antwort auf die Corona-Pandemie öffneten die Initiatoren die HPI Schul-Cloud deutschlandweit für alle Schulen.

Von HPI beauftragt, stellte Dataport ein Team aus Partnern zusammen, um das Projekt umzusetzen. Einer davon ist Ionos, der die Infrastruktur liefert, auf der die HPI Schul-Cloud als Lernplattform laufen soll. „Niedersachsens Schul-Cloud läuft inzwischen komplett auf unserer Infrastruktur. Und derzeit werden Thüringen und Brandenburg migriert.“ Die Nachfrage sei immens, und der Cloud-Anbieter musste bereits Hardware nachbestellen, um die Dienste nicht nur vom Rechenzentrum in Berlin aus anbieten zu können. Mittlerweile seien bereits mehr als eine Millionen Nutzer auf der HPI Schul-Cloud, was dem HPI zufolge dreißig Mal so viel ist wie im März 2020. Der Channel dient hier als Multiplikator, da laut Endress viele Projektanfragen von anderen Bundesländern über die Ionos-Partner kommen.

2. Projekt Phoenix

Ebenfalls unter der Führung von Dataport ist das Projekt Phoenix. Ziel des Projekts ist die Digitalisierung von Verwaltungsstellen im öffentlichen Bereich, wofür Cloud-basierte Lösungen gefordert sind. Die größte Herausforderung ist für die Beteiligten die digitale Souveränität, die gewährt werden muss. „Der öffentliche Sektor ist skeptisch, mit einem Programm wie Office 365 zu arbeiten, da es in einer Cloud eines amerikanischen Anbieters läuft und damit der Kontrolle von Microsoft unterliegt. Das wird als Abhängigkeit gesehen, welche unsere digitale Souveränität gefährdet“, sagt Endress. Deswegen setzen die Verantwortlichen des Projekts auf Open Source und auf europäische Anbieter, die nicht vom US Cloud Act betroffen sind. Dazu gehören Bechtle sowie die Software-Unternehmen NextCloud aus Stuttgart, Univention aus Bremen und OpenXchange aus Köln, an dem Ionos mit 25 Prozent beteiligt ist.

Dadurch, dass bei Open Source jeder den Quellcode einsehen kann, ist transparent, welche Daten erhoben und wohin transportiert werden. Ein weiterer Vorteil des offenen Quellcodes ist es, dass Entwickler zu jeder Zeit eine Fork, eine Abspaltung des bestehenden Codes, schreiben können. Damit wird der Zugriff auf den Code jederzeit sichergestellt. „Das war früher einige Male ein Problem bei Anbietern, die für den Public Sector gearbeitet haben“, erklärt Endress. „Wenn ein anderes Unternehmen den Anbieter kauft, ist Open Source eine Art Rückversicherung.“

Auch für dieses Projekt liefert Ionos Cloud als Partner die Infrastruktur und die Plattform, gemeinsam mit Dataport. Wie Endress erläutert, liegt ein Mehrwert in dem „Pay as you go“-Bezahlmodell. „Alle Services kommen aus der Cloud. Man braucht keine Lizenzen und Upgrades. Immer, wenn ich den Browser öffne, arbeite ich in der neuesten Umgebung. Und ich zahle nur für das, was ich tatsächlich konsumiert habe.“ Auf der Plattformebene setzen Ionos und Dataport auf Kubernetes, ebenfalls eine Open-Source-Technologie. Allein beim Infrastructure Layer setzten die Unternehmen auf den Ionos-Stack, der nicht zu 100 Prozent auf Open Source basiert. „Das ist meiner Meinung nach unproblematisch, da wir den Stack selbst entwickelt haben und über unsere eigenen und die Rechenzentren von Dataport anbieten und alle nötigen Zertifizierungen vorliegen.“

3. Gaia-X

Künstliche Intelligenz gegen akutes Nierenversagen, intelligente Edge-Rechenzentren zur Unterstützung von grünen Erzeugnisanlagen und Chatbots in Bürgerbüros für eine Verwaltung rund um die Uhr: Das sind nur einige der Anwendungsfälle, für die die Initiative Gaia-X geschaffen wurde. Im Allgemeinen geht es dabei darum, Datenräume in Europa zu entwickeln, damit Daten frei fließen können, ohne dass der Datenschutz oder die Governance im Weg stehen. Noch im ersten Quartal 2021 plant das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) die erste Ankündigung zu finanziellen Fördermitteln für Gaia-X. Bis dahin liegt der Spielball bei den Unternehmen. Sie müssen die richtigen Anwendungsfälle entwickeln, mit denen sie eine Förderung erhalten und damit das Projekt Gestalt annehmen kann.

Auch Ionos ist sowohl mit DAX-Konzernen wie auch mit kleinen und mittelständischen Unternehmen im Austausch darüber, welche Use Cases gemeinsam aufgestellt werden sollen, um Fördermittel für eigene Gaia-X-Projekte zu erhalten. „Wir haben hier mehr die Rolle des Enablers“, erklärt Endress. Während Ionos Cloud in der Zusammenarbeit die Infrastruktur für die Projekte schafft, sind die Hersteller für die konkreten Anwendungen zuständig. Als mögliches Beispiel nennt Endress eine Cloud, in der landwirtschaftliche Daten erfasst werden. Diese dienen als Basis für einen Algorithmus, der wiederum Wetterprognosen ausgeben soll. Das Ziel der Projekte ist es, eine Zertifizierung für Gaia-X-konforme Lösungen zu erstellen. Dafür stellen sich die Mitglieder von Gaia-X folgende Fragen: Welche Datenschutzanforderungen muss die Lösung erfüllen? Wie muss die Architektur aussehen? Welche Governance-Struktur muss implementiert werden? Sobald eine solche Zertifizierung möglich ist, will Ionos einer der ersten Cloud-Anbieter sein, der diese erhält.

Gaia-X Förderwettbewerb

Doch wie erhalten Unternehmen eine Förderung? Die Anwendungsbeispiele sollen von Anwendern und Anbietern aus Wirtschaft, Wissenschaft und dem öffentlichem Sektor gemeinsam erarbeitet werden. Damit sollen sie „die technologische Machbarkeit, wirtschaftliche Umsetzbarkeit und Nutzbarkeit sowie gesellschaftliche Akzeptanz innovativer digitaler Technologien, Anwendungen und Datenräume demonstrieren.“

Schwerpunkte der Use Cases sollen entweder Business-Lösungen sein, die KI, IoT oder Big Data nutzen, oder Datenräume sein, die neue Produkte, Geschäftsmodelle und Dienstleistungen auf Grundlage von mehr und leichter zugänglichen Daten hervorbringen. Mindestens drei und maximal zehn Partner dürfen gemeinsam an einem Projekt arbeiten. Zudem muss mindestens ein mittelständisches Unternehmen und/oder Startup beteiligt sein. Die geförderten Use Cases müssen eine neuartige Lösung für aktuelle oder zukünftige Herausforderungen sein.

Die Antragstellung auf Förderung wird dem BMWi zufolge in einem zweistufigen Verfahren erfolgen. Die erste Stufe beginnt mit einer Skizzenvorlage. Für die Projekte, die es in die zweite Runde schaffen, sollen dann Förderanträge mit einer detaillierten Projektbeschreibung sowie einer Arbeits-, Finanz- und Verwertungsplanung vorgelegt werden. Den Einsendeschluss der Projektskizzen plant das BMWi für das zweite Quartal.

Nachfolge von Christian Böing

Das Ziel von Christian Böing bei Ionos Cloud war es, eine leistungsfähige europäische Cloud-Alternative zu den US-Angeboten zu bieten. Dieses Ziel verfolgt auch Endress. „Es ist weiterhin unser Ansatz, dass wir eine europäische Alternative zu den Hyperscalern sind. Wir bringen Datenschutz, Datensicherheit und Datenhoheit für unsere Kunden mit.“ Natürlich ist dem CCO bewusst, dass die Ionos Cloud mit der globalen Abdeckung der Hyperscaler nicht mithalten kann. „Für ein Unternehmen, das in Asien und den USA genauso vertreten ist wie in Europa, sind die Hyperscaler derzeit noch die bessere Wahl.“ Denn diese haben heute Services und Funktionen im IoT- und Machine-Learning-Umfeld, die für den europäischen Anbieter gerade erst in der Planung sind. Auf der anderen Seite will Ionos mit dem Preis-Leistungs-Verhältnis punkten. „Unsere Cloud funktioniert für 80 Prozent der Workloads genauso schnell und sogar günstiger als die der Hyperscaler. Preislich versuchen wir immer unter deren Angeboten zu liegen.“

Für Endress ist das Geschäft im Public Sector ein strategischer Fokus. Der Vertrieb über den Channel wird weitergeführt wie bisher. Mit Bechtle, IT-Haus und Viakom hat Ionos seine Partnerlandschaft im vergangenen Jahr erweitert. Für Endress steht dabei das beidseitige Engagement im Vordergrund. Partner sollen nicht nur die Ionos Cloud weiterverkaufen, sondern auch Mitarbeiterzertifizierungen und gemeinsame Projekte anstreben. Je komplexer das Cloud-Angebot wurde, desto stärker begann Ionos vor circa zwei Jahren neben dem Direktgeschäft auch über den Channel zu skalieren, wie Endress erläutert. „Wir haben keine 500 Vertriebler, die durch das Land reisen und unser Produkt verkaufen. Sondern wir nutzen die Partnerschaften und deren tiefes Verständnis, wo die Kunden gerade in der Transformation stecken. Allein können und wollen wir das gar nicht abdecken. Deswegen ist der Channel für uns so relevant.“ Für die Channel-Aktivitäten verantwortlich ist seit Juli 2020 Tim Kartali. Ein neues Partnerprogramm soll noch im ersten Quartal 2021 gelauncht werden.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf unserem Schwesterportal IT-Business.

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Über den Autor

 Melanie Staudacher

Melanie Staudacher

Volontärin, Vogel IT-Medien GmbH