Mit Virtual Reality gegen Höhenangst Höhentraining im Wohnzimmer

Redakteur: Christian Lüttmann

Akrophobie, besser bekannt als Höhenangst, betrifft etwa fünf Prozent der Bevölkerung so stark, dass es für diese Menschen zu heftigen körperlichen Reaktionen wie Herzrasen und Panik führt. Eine neue klinische Studie hat nun untersucht, inwieweit eine App und Virtual Reality bei der Bewältigung der Höhenangst helfen.

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Im virtuellen Training können Nutzerinnen und Nutzer schrittweise in die Höhe steigen und auf jedem Level die Ausprägung ihrer Höhenangst angeben.
Im virtuellen Training können Nutzerinnen und Nutzer schrittweise in die Höhe steigen und auf jedem Level die Ausprägung ihrer Höhenangst angeben.
(Bild: Bentz et al., NPJ Digital Medicine 2021)

Der Puls steigt, der Atem stockt, auf der Stirn bilden sich Schweißperlen und in der Brust bildet sich ein unangenehmes Engegefühl aus. Was vergleichbar wie ein Herzleiden klingt, sind die Symptome von Höhenangst. Ungefähr fünf Prozent der Bevölkerung empfinden ein derart ausgeprägtes Unwohlsein in Höhensituationen, dass sie darunter leiden. Betroffene nehmen jedoch selten Behandlungsmöglichkeiten wie eine Expositionstherapie in Anspruch, bei der sie sich unter professioneller Anleitung in die gefürchtete Situation begeben. Einerseits setzen sich Betroffene nur widerwillig ihrer Höhenangst aus, anderseits ist es schwierig, passende Höhensituationen im therapeutischen Setting zu schaffen.

Das interdisziplinäre Forscherteam um Prof. Dr. Dominique de Quervain von der Universität Basel hat deshalb „Easyheights“ entwickelt – eine Virtual-Reality-App, mit der sich eine Exposition auf dem Smartphone simulieren lässt. Die App arbeitet mit 360°-Bildern von realen Orten, welche die Forschenden mit einer Drohne aufgenommen haben. Betroffene können die App auf ihrem eigenen Smartphone nutzen, das sie hierfür in ein Virtual-Reality-Headset einsetzen.

Was eine Stunde in virtueller Höhe bewirken kann

Im virtuellen Erlebnis steht die Nutzerin oder der Nutzer auf einer Plattform, die sich zunächst einen Meter über dem Boden befindet. Nach einer Gewöhnungszeit wird die Plattform automatisch weiter angehoben. Auf diese Weise steigt die wahrgenommene Position über dem Boden langsam, aber stetig an, ohne dass das Angstniveau zunimmt.

Die Wirksamkeit dieses Ansatzes konnte das Forscherteam in einer randomisierten kontrollierten Studie nachweisen. 50 Studienteilnehmer mit Höhenangst absolvierten entweder ein insgesamt vierstündiges Höhentraining (einmal 60 Minuten und sechsmal 30 Minuten innerhalb von zwei Wochen) in der virtuellen Realität oder wurden der Kontrollgruppe ohne solches Training zugewiesen.

Vor und nach der Trainingsphase – beziehungsweise der gleichen Zeitspanne ohne Training – bestiegen die Probanden einen Aussichtsturm so weit, wie es ihre Höhenangst zuließ. Dabei protokollierten die Forscher die erreichte Höhe sowie die Stärke der empfundenen Angst auf jeder Etage des Turms. Letztlich werteten die Wissenschaftler die Ergebnisse von 22 Probanden mit dem virtuelle Höhentraining und 25 aus der Kontrollgruppe aus.

Die Gruppe, die mit der App trainiert hatte, zeigte weniger Angst auf dem Turm und war in der Lage, höher in Richtung Spitze zu klettern als vor dem Training. In der Kontrollgruppe fand keine positive Veränderung statt. Die Wirksamkeit des Höhentrainings mit der App erwies sich insgesamt als vergleichbar mit der einer klassischen Expositionstherapie.

Geeignet gegen leichte Angstzustände

Fortgeschrittenes Level der VR-App
Fortgeschrittenes Level der VR-App
(Bild: Bentz et al., NPJ Digital Medicine 2021)

Der Einsatz von virtueller Realität zur Behandlung von Höhenangst wird bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten erforscht. „Neu ist jedoch, dass Smartphones die virtuellen Szenarien erzeugen und diese sonst technisch aufwendige Therapieform damit deutlich zugänglicher wird“, erklärt Dr. Dorothée Bentz, Erstautorin der Studie.

Die Studienergebnisse legen nahe, dass die wiederholte Nutzung einer virtuellen Expositionstherapie auf dem Smartphone das Verhalten und das subjektive Befinden in Höhensituationen deutlich verbessern kann. Betroffene mit leichten Formen der Höhenangst können sich die kostenlose Applikation in Kürze aus gängigen App-Stores herunterladen und in Eigenregie üben. Bei Betroffenen mit einer ausgeprägten Höhenangst empfehlen die Forschenden jedoch, die App nur in Begleitung einer Fachperson zu nutzen.

Originalpublikation: Dorothée Bentz, Nan Wang, Merle K Ibach, Nathalie S Schicktanz, Anja Zimmer, Andreas Papassotiropoulos, Dominique JF de Quervain: Effectiveness of a stand-alone, smartphone-based virtual reality exposure app to reduce fear of heights in real-life: a randomized trial, npj Digital Medicine volume 4, Article number: 16 (2021); DOI: 10.1038/s41746-021-00387-7

Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal Laborpraxis.

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