Deutschland ist Mitglied bei SNOMED International Gesundheitsdaten sollen „die gleiche Sprache sprechen“

Autor: Julia Mutzbauer

Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Medizininformatik-Initiative (MII) hat das internationale Medizin-Terminologie-System SNOMED CT bereits 2020 in Deutschland eingeführt. Seit Anfang Januar 2021 können nun auch Institutionen außerhalb des MII-Netzwerks die erforderlichen Lizenzen bundesweit kostenlos nutzen.

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Die Pilotpahse des medizinischen Terminologie-Systems SNOMED CT ist vorzeitig beendet worden
Die Pilotpahse des medizinischen Terminologie-Systems SNOMED CT ist vorzeitig beendet worden
(© greenbutterfly – stock.adobe.com)

Das elektronische Terminologie-System SNOMED CT verwandelt medizinische Sachverhalte und Fachbegriffe, für die es weltweit unterschiedliche Bezeichnungen und Maßstäbe gibt, in sprachunabhängig unmissverständliche und international eindeutige Zahlencodes. Also in eine „einheitliche Sprache“, die von Computern gelesen und verarbeitet werden kann. Dies soll die Voraussetzungen für intelligente Datenanalysen in Gesundheitsversorgung, medizinischer Forschung und Gesundheitsstatistik schaffen.

Wie die Medizininformatik-Initiative (MII) erklärt, ergeben sich zum Beispiel direkte Vorteile für die Gesundheitsversorgung, wenn klinische Parameter oder Medikationsdaten standort- und sogar länderübergreifend einheitlich ausgetauscht werden. Zudem könnten die mit SNOMED CT einheitlich beschriebenen medizinischen Inhalte auch für die Entwicklung von medizinischen Entscheidungshilfen verwendet werden, die auf Künstlicher Intelligenz (KI) basieren.

Die Nutzung international standardisierter Datenformate und die terminologische Erschließung medizinischer Dokumentation sind Kernkomponenten des Vorhabens und der Dateninfrastruktur der MII. Bundesweit werden über die Datenintegrationszentren (DIZ) der universitätsmedizinischen Standorte in Deutschland Versorgungs- und Forschungsdaten dezentral aufbereitet und datenschutzgerecht standortübergreifend für die klinische- und die Versorgungsforschung nutzbar gemacht. Die MII will so eine Datenbasis für umfassende medizinische Forschungsfragen schaffen, um Krankheiten und deren Therapien besser erforschen und Patienten gezielter behandeln zu können.

PDSG beendet Pilotphase

Mit dem durch das Patientendaten-Schutz-Gesetz (PDSG) vom Okotober 2020 gesetzlich geregelten Vollzug der nationalen Mitgliedschaft Deutschlands bei SNOMED International ist die vorbereitende Pilotphase vorzeitig zum 01.01.2021 beendet worden. SNOMED CT wird herausgegeben von der Non-Profit-Organisation SNOMED International; Nutzungs- und Mitwirkungsrechte können durch nationale Mitgliedschaften in dieser Organisation erworben werden. Zuvor hatte Deutschland diese Mitgliedschaft noch nicht vollzogen. Das BMBF hatte deshalb mit Unterstützung der MII-Koordinationsstelle mit SNOMED International eine Sondervereinbarung für eine bis zu dreijährige Pilotphase ausgehandelt.

Auf dieser Basis war das Terminologie-System seit Mitte März 2020 über die MII erstmals in Deutschland verfügbar. Als Teilnehmer der MII haben nahezu alle deutschen Universitätskliniken und weitere Partner der Initiative (Universitäten, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Industrieunternehmen) eine SNOMED CT-Lizenz erhalten. Die Lizenzgebühren trug in dieser Pilotphase das BMBF; die TMF – Technologie- und Methodenplattform – für die vernetzte medizinische Forschung, Sitz der MII-Koordinationsstelle, fungierte als National Release Center.

Diese Funktion wird künftig das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) übernehmen. Das Institut gehört zum Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG), das die Sublizenzen für deutsche SNOMED CT-Nutzer herausgeben wird.

Frühzeitig investiert

„Wie wichtig die frühzeitige Investition in Dateninfrastrukturen für Forschung und Versorgung und insbesondere das Fördern von Standardisierung wie beispielsweise durch die Einführung von SNOMED CT ist, hat sich in besonderem Maße in der Corona-Krise 2020 gezeigt: Die notwendigen Festlegungen von standardisierten Datensätzen zur COVID-19-Forschung konnten bereits auf SNOMED CT und auf die weiteren Standardisierungsergebnisse der in der Medizininformatik-Initiative zusammengeschlossenen Expertinnen und Experten zurückgreifen“, kommentiert Christian Luft, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

Das Nationale Steuerungsgremium (NSG) der MII hatte bereits während der Konzeptphase zum MII-Aufbau im Dezember 2016 festgestellt, dass für eine international anschlussfähige terminologische Normierung der Routinedaten für Forschungszwecke, die Nutzung des international anerkannten Terminologiestandards SNOMED CT unerlässlich sei.

„Wir freuen uns, dass wir dazu beitragen konnten, SNOMED CT nach Deutschland zu holen – nach 15 Jahren Diskussion und gemeinsamen Bemühens vieler Partner, wie der GMDS, TMF, HL7 Deutschland und dem vormaligen DIMDI“, so Sebastian C. Semler, Geschäftsführer der TMF, Leiter der Koordinationsstelle der MII und des bei der TMF angesiedelten ersten National Release Centers für SNOMED CT in Deutschland. „Da die Standardisierung medizinischer Inhalte Versorgung und Forschung gleichermaßen betrifft, ist uns die Kooperation mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bei der Nutzung von SNOMED CT in den Inhalten der gesetzlichen Elektronischen Patientenakte besonders wichtig“, betont Semler weiter.

Aber mit SNOMED CT-Lizenzen allein sei noch keine Interoperabilität erreicht. Sowohl die Nutzung in der Dokumentation als auch die Auswertung von SNOMED CT-annotierten Datenbeständen in der medizinischen Forschung würden noch viele Anstrengungen und auch Unterstützung benötigen. „Eigentlich stehen wir also noch am Beginn. Dabei ist die Standardisierung kein Selbstzweck – am Ende zählt, ob Daten wirklich ausgetauscht und für die Patientenbehandlung und die medizinische Weiterentwicklung nutzbringend weiterverarbeitet werden können“, schließt Semler.

Hintergrund

Ziel der Medizininformatik-Initiative (MII) ist die Verbesserung von Forschungsmöglichkeiten und Patientenversorgung durch innovative IT-Lösungen. Diese sollen den Austausch und die Nutzung von Daten aus Krankenversorgung, klinischer und biomedizinischer Forschung über die Grenzen von Institutionen und Standorten hinweg ermöglichen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert die MII bis 2022 mit rund 160 Millionen Euro. In den vier Konsortien DIFUTURE, HiGHmed, MIRACUM und SMITH arbeiten alle Einrichtungen der Universitätsmedizin in Deutschland an über 30 Standorten gemeinsam mit Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Krankenkassen und Patientenvertretern daran, die Rahmenbedingungen zu entwickeln, damit Erkenntnisse aus der Forschung direkt den Patienten erreichen können. Datenschutz und Datensicherheit haben dabei höchste Priorität. Für die nationale Abstimmung der Entwicklungen innerhalb der MII ist eine Koordinationsstelle zuständig, die die Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung (TMF) gemeinsam mit dem Medizinischen Fakultätentag (MFT) und dem Verband der Universitätsklinika Deutschlands (VUD) in Berlin betreibt.

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Redaktion, eGovernment Computing