Digitale Medizin Fernüberwachung von Patienten – aktuell wie nie

Autor / Redakteur: Alena Nikuliak* / Susanne Ehneß

Intelligente Lösungen für die Fernüberwachung von Patienten erfreuten sich zunehmender Beliebtheit bereits vor der Corona-Krise. RPM-Tools (Remote Patient Monitoring, kurz RPM) ermöglichten es behandelnden Ärzten, mehrere Patienten gleichzeitig aus der Ferne zu überwachen und deren Gesundheitszustand immer im Auge zu behalten.

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Die Fernüberwachung mittels digitaler Tools eignet sich besonders gut für Patienten mit eingeschränkter Mobilität
Die Fernüberwachung mittels digitaler Tools eignet sich besonders gut für Patienten mit eingeschränkter Mobilität
(© Viacheslav Lakobchuk - stock.adobe.com)

Als Teil des Telemonitorings, das neben der Überwachung auch die Diagnose und Untersuchung von Patienten aus der Ferne umfasst, ermöglicht es die Fernüberwachung, Patienten zu betreuen, die einer regelmäßigen Überwachung bedürfen und sich dabei nicht im Krankenhaus befinden. Mit Hilfe von RPM-Lösungen sind betreuende Ärzte in der Lage, relevante Gesundheitswerte ihrer Patienten wie z. B. Körpertemperatur, Blutdruck, Blutzucker, Herzfrequenz, Gewicht und mehr kontinuierlich zu erfassen und zu überprüfen. Die kontinuierliche Überwachung macht es für Ärzte möglich, Änderungen im Zustand eines Patienten zu verfolgen und darauf basierend entsprechende Entscheidungen zu treffen.

„Das Nutzen der Fernbetreuung wurde in zahlreichen Studien auch früher untersucht. Moderne digitale Technologien ermöglichen es heute, alle Ideen praktisch umzusetzen. Die Corona-Pandemie hat nur geholfen, das Nutzenpotenzial digitaler Lösungen in der Medizin noch besser zu verstehen“, so Boris Shiklo, technischer Geschäftsführer bei ScienceSoft.

Technischer Ablauf

Um die Fernüberwachung und -verwaltung von Patienten zu ermöglichen, müssen bestimmte technische Voraussetzungen erfüllt sein. In erster Linie braucht man spezielle Medizingeräte (wie Herzfrequenz- und Blutdruckmess-, Blutzuckermessgeräte), medizinische Wearables (wie Smart Wathes, intelligente Armbänder, Smart Textiles) sowie spezielle kabellose Sensoren, mit denen Patienten ausgestattet werden, um die kontinuierliche Messung relevanter Gesundheitsparameter zu ermöglichen.

Die digital erfassten Daten sollten von diesen Geräten an ein Übertragungsgerät mit Software und/oder mobiler medizinischer App gesendet werden, wo sie bearbeitet und analysiert werden. Als Übertragungsgerät können Smartphones oder Tablets dienen, die helfen, durch den Einsatz spezieller medizinischer Apps, Ergebnisse der Fernüberwachung wie erfasste Werte oder ärztliche Empfehlungen und andere Zusatzinformationen – wie durchzuführende Messungen – graphisch darzustellen. Im Rahmen der Fernüberwachung können auch sogenannte persönliche digitale Assistenten (Personal Digital Assistant, kurz PDA) zum Einsatz kommen, die zur Übertragung und Darstellung von Daten dienen.

Da die Übertragung entweder über Mobilfunknetze (falls mobile Apps an diesen Prozessen beteiligt sind) oder über das Internet erfolgen muss, ist eine gute Internetverbindung ebenfalls eine wichtige technische Voraussetzung.

Alle erfassten, gesammelten und analysierten Daten werden in einer zentralen Datenbank gespeichert und verteilt. Das zuständige Fachpersonal erhält einen Zugriff auf diese Daten, um darauf basierend den Gesundheitszustand eines Patienten zu bewerten und konkrete Empfehlungen zur Behandlung zu geben. Falls die erfassten Parameter die im Voraus konfigurierten Schwellenwerte für Warnmeldungen erreichen oder überschreiten, werden Alarme automatisch ausgelöst, die direkt an die Ärztin/den Arzt übertragen werden. In den meisten Fällen basieren RPM-Lösungen auf der Cloud-Technologie.

Für welche Personen ist die Fernüberwachung geeignet?

Die Fernüberwachung mittels digitaler Tools eignet sich besonders gut für:

  • Patienten mit eingeschränkter Mobilität, die wegen ihrer körperlichen Einschränkungen selten zum Arzt gehen können;
  • ältere Menschen, besonders für jene in ländlichen Gegenden;
  • Bewohner und Bewohnerinnen in Alten- und Pflegeheimen;
  • Patienten, die sich in der Rehabilitationsphase befinden und eine fachkundige Nachsorge benötigen;
  • Patienten mit akuten, chronischen oder hochinfektiösen Erkrankungen.

Digitale RMP-Lösungen sind zu einer großen Unterstützung in Zeiten der Corona-Pandemie sowohl für Ärzte als auch für Patienten geworden. Durch die Fernüberwachung ist das medizinische Fachpersonal in der Lage, Patienten ohne direkten Kontakt engmaschig ärztlich zu beobachten und dabei Ansteckungsrisiken zu minimieren.

Vorteile der Fernüberwachung

Die Überwachung eines Patienten aus der Ferne bietet viele Vorteile sowohl für Patienten als auch für medizinische Einrichtungen.

Was Patienten erhalten:

  • Den erleichterten Zugang zur medizinischen Versorgung, was für Personen mit der eingeschränkten Mobilität besonders von Nutzen ist.
  • Die frühzeitige Symptomerkennung, was im Folgenden hilft, durch die rechtzeitige Diagnose und Behandlung die unerwünschte Entwicklung einer Erkrankung zu vermeiden.
  • Die rechtzeitige Erkennung von lebensbedrohlichen Zuständen, bei denen ein Zeitfaktor über Leben und Tod entscheidet. Die automatische Auslösung und Weiterleitung von Warnmeldungen an einen betreuenden Arzt kann damit das Leben von Patienten retten.
  • Das gute Gefühl von Geborgenheit, dass Patienten nicht alleine sind und jederzeit gut betreut werden können.

Wie medizinische Einrichtungen davon profitieren:

  • Das medizinische Personal wird durch die Vermeidung oder Verkürzung von Klinikaufenthalten entlastet.
  • RPM-Lösungen helfen auch, durch die Verhinderung von unnötigen Arztbesuchen oder Krankenhausaufenthalten Zeit und Ressourcen besser zu verteilen sowie Kosten zu senken.
  • Bei der Betreuung von Patienten mit ansteckenden Erkrankungen kann man die Gefahr einer Ansteckung deutlich verringern.
  • Durch die frühzeitige Erkennung von Symptomen und die rechtzeitige Behandlung wird es ermöglicht, die Qualität der medizinischen Versorgung zu verbessern.

Welche Lösungen werden derzeit angeboten?

Gesundheitsdienstleister haben immer mindestens zwei Alternativen: entweder eine individuelle RPM-Lösung erstellen zu lassen, die auf ihre Anforderungen maximal zugeschnitten ist, oder fertige Lösungen zu nutzen, die heute auf dem Markt in einer großen Vielfalt zur Verfügung stehen. Um einen Überblick darüber zu schaffen, wie solche Lösungen aussehen und funktionieren können, werden einige genannt, die sich auf dem Markt etabliert haben und schon heute aktiv im Einsatz sind.

Medopad: Medopad ist eine App, die zum Einsatz kommt, um die medizinische Überwachung in häuslicher Quarantäne zu ermöglichen. Wie es in einem Youtube-Video erklärt wird, können auf das Corona-Virus positiv getestete Personen ihren Zustand durch diese App jederzeit überprüfen lassen. Diese Personen können in der App registrieren, welche Symptome (Husten, Schnupfen, Fieber) sie haben, und bestimmte Messwerte (wie Atemfrequenz, Temperatur, Puls, Sauerstoffsättigung) eintragen. Die App macht es möglich, Vitalwerte in der häuslichen Quarantäne regelmäßig zu überwachen und dadurch kritische Werte rechtzeitig zu erkennen.

Evismo: Der Schweizer Anbieter evismo brachte eine Lösung auf den Markt, die es ermöglicht, bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen unter dem Einsatz von evismo-CardioFlex (einem kabellosen Langzeit-EKG, die gemeinsam mit dem finnischen Medizintechnik-Spezialisten Bittium entwickelt wurde) Vitalparameter kontinuierlich zu messen und die erfassten EKG-Daten über das spezielle mobile Geräte mit entsprechender App (MedicalSuite Mobile Device) verschlüsselt auf eine Medizin-Plattform zu übertragen. Die Datensammlung und -prüfung kann bis zu 30 Tagen dauern. Das Ziel ist, basierend auf den erfassten Daten eine Diagnose zu stellen, eine passende Behandlung einzuleiten und Schlaganfallrisiken rechtzeitig zu erkennen.

Tytocare: Das medizinische KI-basierte Produkt vom Unternehmen Tytocare hilft dabei, durch die Messung vielfältiger Vitalparameter den Körper von Patienten während einer ärztlichen Telekonsultation umfassend zu untersuchen, um vorhandene Probleme (z. B. geschwollene Mandeln) zu erkennen. Die Ärzte sind damit in der Lage, eine Diagnose aus der Ferne zu stellen. Um die Verwaltung von Daten zu ermöglichen, braucht man mobile Endgeräte.

Fazit

Gerade während der Corona-Pandemie ist die Fernüberwachung des Gesundheitszustandes eines Patienten mittels digitaler Technologien eine wertwolle Alternative zum herkömmlichen Vorgehen bei chronischen oder hochinfektiösen Krankheiten. RPM-Lösungen zielen darauf ab, sowohl das medizinische Personal bei der Arbeit zu unterstützen als auch die Lebensqualität von Patienten zu erhöhen.

Obwohl Deutschland bei der digitalen Transformation im Gesundheitswesen noch am Anfang steht, verfügen mehr als 47 Prozent der Krankenhäuser über Telemonitoring, so die Studie „eHealth Monitor 2020“von McKinsey. Aber es ist noch zu früh, über Erfolge zu sprechen. Erst sollten entsprechende Rahmenbedingungen entwickelt und eine gesamthafte eHealth-Strategie erarbeitet werden. Aber eines ist klar: Die Zukunft der Medizin ist – auch – digital.

*Die Autorin: Alena Nikuliak, Senior Business Analyst und Healthcare IT Consultant bei ScienceSoft.

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