Interoperabilität im Gesundheitswesen „Entscheidend ist ein ganzheitlicher Blick auf Versorgung und Forschung“

Von Natalie Ziebolz

Interoperable und internationale Standards sind entscheidend für die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Das Interop Council soll diese als nationale Koordinierungsstelle entwickeln. Im Interview spricht die Vorsitzende dieses Expertengremiums Prof. Dr. med. Sylvia Thun über Ziele, internationale Zusammenarbeit und Transparenz.

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Sylvia Thun ist die Vorsitzende des Interop Councils. Das Expertemgremium beschäftigt sich mit der Interoperabilität des Gesundheitswesens
Sylvia Thun ist die Vorsitzende des Interop Councils. Das Expertemgremium beschäftigt sich mit der Interoperabilität des Gesundheitswesens
(© 2018 Thomas Rafalzyk)

Frau Thun, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema Interoperabilität im Gesundheitswesen und haben dafür gerade erst das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen – herzlichen Glückwunsch dazu. Warum spielt Interoperabilität im Gesundheitswesen so eine wichtige Rolle und wo genau liegen hier aktuell die Herausforderungen?

Thun: Interoperabilität bedeutet Kommunikation und (weltweite) Zusammenarbeit und es ermöglicht den Einsatz neuer Technologien und Algorithmen. Das sind die Voraussetzungen, um die Medizin noch besser und effizienter zu gestalten.

Innerhalb der nächsten 18 Monate sollen nun die Weichen „für mehr verbindliche Standards im deutschen Gesundheitswesen“ gestellt werden. Wie geht das Interop Council dabei vor, und was kann beziehungsweise soll in den eineinhalb Jahren erreicht werden?

Thun: Wir als initiales Interop Council setzen uns gemeinsam aus tiefster Überzeugung und mit vollem Herzen und Einsatz für eine flächendeckende technologische Konvergenz und einheitliche Festlegungen ein – basierend auf internationalen Standards. Darüber hinaus engagieren wir uns für mehr Wiederverwendbarkeit, kürzere Entwicklungszeiten, kostengünstigere Schnittstellen und die schnellere Verfügbarkeit der Lösungen bei den Anwender:innen und legen entlang der gesamten Patient Journey den Fokus auf Nutzerorientierung und Nutzen für Patient:innen und ihre Behandler:innen. Zudem wollen wir den digitalen Reifegrad des deutschen Gesundheitssystems relevant verbessern, die Industrie bei der Erschließung neuer Märkte durch international nutzbare Software auf Grundlage internationaler Standards unterstützen und damit in Folge auch integrierte Versorgungsmodelle fördern und bessere medizinische Ergebnisse ermöglichen.

Dafür haben wir uns entschieden, unsere Arbeitsweise auf folgende Pfeiler zu stellen: Wir arbeiten offen und transparent, setzen auf Vielfalt der Meinungen im konstruktiven Austausch, gehen dabei iterativ und pragmatisch an die Sache, wissen und berücksichtigen, dass die Industrie eine entscheidende Rolle für die Realisierung unserer Ergebnisse spielt und wollen die Synergie der Themen nutzen und damit Mehrwerte für Gegenwart und Zukunft schaffen.

Mit der zweiten Sitzung des Interop Council Ende April werden wir erste Zwischenergebnisse vorstellen können und auch weitere konkrete Themen für unsere Arbeit diskutieren und nächste konkrete Schritte beschließen. Darauf bereiten wir uns aktuell vor.

Nationale Standards werden nicht ausreichen. Das deutsche Gesundheitswesen muss auch in das internationale Netzwerk integriert werden. Wie soll dies realisiert werden? Plant das Interop Council eine Zusammenarbeit mit anderen (internationalen) Gremien oder droht Deutschland hier den Anschluss zu verlieren?

Thun: Für die Koordinierungsstelle und das Expertengremium ist es ein wichtiges Anliegen, die guten bestehenden sektoralen Standardisierungs-Aktivitäten und Ergebnisse mit der internationalen Perspektive und der laufenden Modernisierung der Telematikinfrastruktur zusammenzuführen und unter einer gesamthaften Betrachtung zu bündeln. Wir haben erfreulicherweise bereits erste Interessenbekundungen aus dem DACH-Raum erhalten und freuen uns auf den weiteren Austausch. Die internationalen Entwicklungen in den Standardisierungsthemen wird ein fester Bestandteil des Austausches mit den Experten aus dem Expertenkreis sein. Viele davon sind in internationalen Gremien oder Standardisierungsinitiativen aktiv und engagiert. Diese Expertise wollen wir natürlich einbinden und unsere Diskussion mit den relevanten Diskussionen der internationalen Community verknüpfen. Eine weltweite Zusammenarbeit erfolgt derzeit schon mit den Mitgliedern des Joint Initiative Councils (ISO, CEN, HL7, DICOM, GS1, CDISC; LOINC, SNOMED).

Einige Anbieter von IT-Systemen haben eine solch starke Marktposition im Bereich des Gesundheitswesens, dass sie sich Standardisierungsbemühungen verweigern können. Wie geht man beim Interop Council mit dieser Herausforderung um?

Thun: Entscheidend ist ein ganzheitlicher Blick auf die Versorgung und Forschung und ein integrativer Ansatz in der Bearbeitung. Das Interop Council macht sich zur Aufgabe, Use-Case-orientiert vorzugehen und die User Journey dabei in den Fokus zu nehmen. Wir wollen durch interoperable Anwendungen praktische Mehrwerte für alle Beteiligte im Gesundheitssystem sowie die Wirksamkeit standardisierter Dokumentation und Kommunikation in den Mittelpunkt stellen. Dabei legen wir gerade bei der Implementierung ein besonderes Augenmerk auf die Nutzerorientierung.

Was kann das Interop Council von der Arbeit des IT-Planungsrates lernen? Viele Probleme dürften sich schließlich gleichen, weshalb beginnt man dann von vorne?

Thun: Wir nehmen uns viele gute Ansätze zum Vorbild, zum Beispiel aus der internationalen Standardisierungs-Community.

Die Ampel-Koalition drängt auf den vermehrten Einsatz von Open-Source-Anwendungen beziehungsweise -Anbietern. Welchen Einfluss hat das auf die Arbeit des Interop Councils?

Thun: Wir beziehen diese Aspekte in unsere Arbeit mit ein.

Stefan Höcherl sagte vor der Gründung des Interop Councils über das Gremium, dass ein gemeinsamer Schwerpunkt die Revision bestehender Profile, Leitfäden und Standards sein wird. Gibt es diesbezüglich schon genauere Pläne? Welche Profile, Leitfäden und Standards sollen überhaupt überprüft werden und warum?

Thun: Mit dem gesetzlichen Auftrag aus der Gesundheits- IT -Interoperabilitäts-Governance-Verordnung (GIGV) sind konkrete Aufgaben an das Interop Council übergeben worden. Das Interop Council soll als sektorenübergreifendes crossfunktionales Expertengremium in einer Bestandsaufnahme bestehende Probleme identifizieren, die mit Hilfe einer verbindlichen Festlegung eine Erleichterung in der praktischen Anwendung, Implementierung und Etablierung leisten können. Neben der Identifikation wird es auch um eine gemeinsame Priorisierung der Bedarfe an Anforderungen, Richtlinien und Leitlinien von technischen, semantischen und syntaktischen Standards, Profilen und Leitfäden unter Berücksichtigung europäischer Anforderungen und internationaler Standards gehen.

Dem Interop Council geht es auch um Transparenz. Gerade diese wird bei der Gematik regelmäßig kritisiert. Wie möchten Sie das Thema nun angehen?

Thun: Mit dem Start der Arbeit des Interop Council sind bereits wichtige Weichen in Sachen Transparenz gestellt worden: Zum einen sind die Sitzungen und damit die Diskussion des Interop Council öffentlich. Zum anderen werden wir alle relevanten Informationen und ausgearbeiteten Paper und Ergebnisse, wie zu themenbezogenen Arbeitskreisen, aktuellen Beschlüssen etc. auf der Website INA zur Verfügung stellen. Damit sind wir transparent in unserer Arbeitsweise. Wir sind natürlich auch bei fachlichen Veranstaltungen präsent, in denen wir die Ergebnisse und Ansätze vorstellen und in die fachliche Diskussion gehen. Standards sind transparent zur erstellen und zu publizieren.

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