1. Bayerischer E-Health-Kongress „Endlich den Schritt nach vorn machen“

Von Nicola Hauptmann

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Die elektronische Patientenakte muss verbessert und Gesundheitsdaten sollen für die Forschung genutzt werden – vom Bayerischen E-Health Kongress kamen klare Signale.

Staatsminister Klaus Holetschek: „Digitalisierung ist der Schlüssel zu einer zukunftsfesten und bürgernahen Gesundheitspolitik"
Staatsminister Klaus Holetschek: „Digitalisierung ist der Schlüssel zu einer zukunftsfesten und bürgernahen Gesundheitspolitik"
(© Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege)

Der Bayerische E-Health Kongress am 29. Juni begann für viele Teilnehmer mit einem Rundgang im Foyer und Gesprächen in entspannter Atmosphäre an den Infoständen. Beschaulich aber wurde es nicht: Moderatorin Ursula Heller (BR) griff gleich zu Beginn die drängende Frage auf: Warum geht die Digitalisierung im Gesundheitswesen so langsam voran und was muss sich ändern, um vom „Schneckentempo in den Turbo“ zu kommen?

Als Antwort darauf fand Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek schon in seiner Keynote deutliche Worte: Nicht mehr von „Klein-klein-Diskussionen" aufhalten lassen, die Bürokratie zurückdrängen und endlich den Schritt nach vorn machen. Bayern wolle eine Vorreiterrolle übernehmen und werde mit aller Kraft an einem Gesundheitsdatennutzungsgesetz mitarbeiten.

In einer gemeinsamen Podiumsdiskussion brachten dann auch weitere Akteure ihre jeweiligen Sichtweisen und Lösungsansätze ein: Gematik-Geschäftsführer Dr. Markus Leyck Dieken, Sabine Dittmar, Parlamentarische Staatssekretärin BMG, Prof. Jörg Debatin und Prof. Sylvia Thun.

Opt-Out für die elektronische Patientenakte

Der Stand der Telematik-Infrastruktur, eRezept-Einführung, Interoperabilität und weitere Themen wurden intensiv diskutiert. Dreh- und Angelpunkt aber, darin waren sich die Teilnehmenden einig, ist die elektronische Patientenakte (ePA).

Am Potenzial dieser digitalen Lösung bestand dabei kein Zweifel; die elektronische Akte ermöglicht eine bessere Behandlungsqualität, die Nutzung der Daten für Forschungszwecke, mehr Patientensouveränität und bessere Therapie-Adhärenz – Sabine Dittmar hatte es in ihrer Keynote zusammengefasst. Große Chancen, nur genutzt werden sie nicht oder fast nicht: Nur knapp 500.000 Patienten, weniger als ein Prozent, haben eine elektronische Akte.

Podiumsdiskussion am Vormittag im Kongress-Saal

Moderatorin Ursula Heller, BR; Dr. Markus Leyck Dieken, Geschäftsführer gematik; Staatsminister Klaus Holetschek; Sabine Dittmar, Parlamentarische Staatssekretärin BMG, und Prof. Jörg Debatin, Healthcare- Unternehmer (v. l. n. r.). Per Video zugeschaltet war Prof. Sylvia Thun, Direktorin für digitale Medizin und Interoperabilität, Charité
(© Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege)

Woran liegt das und was ist zu tun? Diese Fragen waren Schwerpunkte in der Diskussion. Als einer der Gründe wurde das mehrstufige Opt-In-Verfahren ausgemacht. Patienten müssen der Nutzung ausdrücklich zustimmen und das nicht nur einmal, sondern gar fünffach. Wie Prof. Georgios Raptis von der OTH Regensburg, später in seinem Vortrag kommentierte: „Wer eine elektronische Patientenakte möchte, muss sie sehr, sehr wollen.“

Das soll sich ändern, so der Konsens in der Runde. Und zwar mit einer Umstellung zum Opt-Out, so wie es auch im Ampel-Koalitionsvertrag bereits festgeschrieben wurde.

Aktuell müssen sich die Versicherten aktiv für die Bereitstellung der ePA entscheiden. Stattdessen sollte der Bund das System auf eine Opt-Out-Lösung umstellen: Das bedeutet, dass die Patientinnen und Patienten automatisch eine ePA eingerichtet bekommen, die dann befüllt werden kann. Nur wer aktiv widerspricht, bekommt keine digitale Akte.

Staatsminister Klaus Holetschek

Auf eine zweite Hürde für die ePA wiesen besonders Markus Leyk Dieken und Jörg Debatin hin: Fehlende Schnittstellen, besonders bei Praxisverwaltungssystemen.

1. Bayerischer E-Health Kongress
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Ohne Industrie gehe es nicht, bekräftigte auch Prof. Sylvia Thun, es sei aber nicht leicht, da die bisherigen Systeme eben gerade nicht auf Datenaustausch ausgelegt seien. Sie verwies auf die bestehenden Standards wie HL7 und FHIR, jetzt müssten aber auch alle von den Vorzügen überzeugt werden. Debatin plädierte für klare Vorgaben seitens der Politik zur Einführung schnittstellenfähiger Lösungen, auch mit Abzügen, wenn Fristen nicht eingehalten würden. Holetschek hielt dagegen: Ärzte stünden ohnehin unter großem Druck und sollten daher bei der Umstellung begleitet werden.

Gesundheitsdaten nutzen – eine Frage der Ethik

Eng verknüpft mit dem Thema ePA ist die Frage der Gesundheitsdatennutzung. Auch hier zeichnete sich in der Diskussion ein Umdenken ab: Weg von der Datenschutz-fokussierten Betrachtung und hin zu einer ausgewogenen Sichtweise, die auch die Datennutzung mit einbezieht.

Die Nutzung der Daten ist ebenso ethisch geboten wie der Datenschutz.

Sabine Dittmar, Parlamentarische Staatsekretärin im Bundesgesundheitsministerium

Auch Klaus Holetschek betonte den großen Nutzen der Daten zu Forschungszwecken. Die Weichen seien richtig gestellt. „Jetzt muss der Zug schnell Fahrt aufnehmen. Wenn wir es richtig anstellen, können Gesundheitsdaten Leben retten.“

Das Thema wurde auch in den Veranstaltungen am Nachmittag adressiert, in Vorträgen zum Gesundheitsdatennutzungsgesetz wie auch zu Gesundheitsplattformen mit europäischer Datensouveränität.

Weitere Themen-Cluster waren:

  • DiGAs, ePA, KIMund TIM – Was ist der aktuelle und zukünftige Mehrwert der TI?
  • Anbindung von Pflegeeinrichtungen an die TI
  • Projektvorstellung: CARE REGIO und Dein Haus 4. 0
  • Digitalisierung im Gesundheitswesen ist Change-Management

Die Veranstaltungen konnten auch per Live-Stream mitverfolgt werden. Vor Ort bot sich den Kongressteilnehmern aber darüber hinaus die Gelegenheit zu intensivem Austausch. Viele Teilnehmer nutzen auch in den Veranstaltungspausen die Möglichkeit, sich an den Infoständen über aktuelle Förderprojekte, besonders im Bereich der digitalen Pflege, zu informieren.

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