Kliniken in Finanznot Den Boden für die Digitalisierung bereiten

Von Susanne Ehneß

Fast zwei Drittel der Unikliniken weisen für das Jahr 2020 ein negatives Gesamtergebnis aus – Tendenz gleichbleibend. Wir haben beim Verband der Universitätsklinika Deutschlands nachgefragt, ob sich die Digitalisierung positiv auswirken kann.

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Kliniken leiden unter strukturellen Defiziten in der Finanzierung und den Versorgungsstrukturen
Kliniken leiden unter strukturellen Defiziten in der Finanzierung und den Versorgungsstrukturen
(© studio v-zwoelf - stock.adobe.com)

Wie der Verband der Universitätsklinika Deutschlands (VUD) erklärt, war 2020 nicht nur aufgrund der enormen Belastungen durch die Corona-Pandemie, sondern auch finanziell ein schwieriges Jahr. Die aggregierten Jahres­ergebnisse 2020 der deutschen Uniklinika entsprechen einem ­Rekorddefizit von rund 544 Millionen Euro.

Ohne die zusätzliche Unterstützung der Länder hätte das Defizit laut VUD sogar fast ­eine Milliarde Euro betragen. Und: Besserung ist nicht in Sicht. Weniger als die Hälfte der Uniklinika geht davon aus, dass sich ihre Finanzsituation in den nächsten fünf Jahren bessern wird.

Klarer Auftrag an die nächste Bundesregierung

„Die Jahresergebnisse sind nicht einzig und allein auf die Pandemie zurückzuführen. Auch 2019 gab es bereits hohe Defizite“, betont Prof. Dr. Jens Scholz, erster Vorsitzender des VUD. Anja Simon, zweite VUD-Vorsitzende, bestätigt die langfristige Entwicklung.

„Die Kostensteigerungen der letzten Jahre prägen die wirtschaftliche Situation der Universitätsklinika. Gerade die Personalkosten steigen enorm – insbesondere durch Tarifsteigerungen und den notwendigen Aufbau zusätzlicher Stellen“, erklärt Simon. Gleichzeitig bestünden weiterhin große Defizite im Krankenhausfinanzierungssystem, „welches die besondere Rolle der Universitätsklinika nicht ausreichend abbildet“, so Simon.

„Die Pandemie hat unter einem Brennglas die Schwächen des Gesundheitswesens und die Stärken der Universitätsmedizin gezeigt“, fasst Prof. Dr. Scholz zusammen. „Regionale Netzwerke mit Universitätsklinika im Zentrum sind das Modell der Zukunft.“ Gleichzeitig müssten das Abrechnungsverfahren (DRG-System) weiterentwickelt und verstärkt nach den Versorgungsstufen differenziert werden – ein klarer Auftrag an die nächste Bundesregierung.

Jens Bussmann, Generalsekretär des VUD, bestätigt im Interview die Notwendigkeit einer Neuausrichtung der Versorgungsstrukturen. Auch im Hinblick auf eine effiziente Digitalisierung.

Inwieweit spielt die Digitalisierung bei der wirtschaftlichen Lage der Uniklinika eine Rolle?

Bussmann: Ausgangspunkt der schlechten wirtschaftlichen Lage der Universitätsklinika sind vor allem strukturelle Defizite in der Finanzierung sowie in den Versorgungsstrukturen im Krankenhausbereich. Damit die Digitalisierung die Patientenversorgung verbessern kann, benötigen wir dringend Reformen, die vorherrschende Probleme angehen und eine Antwort auf die demografischen Entwicklungen finden. Die aktuellen Versorgungsstrukturen im Krankenhausbereich sind nicht dafür ausgelegt, die Herausforderungen der Zukunft zu stemmen. Die Zukunft der Krankenhausversorgung liegt in regionalen Netzwerken, in denen den einzelnen Kliniken ein klar beschriebener Versorgungsauftrag entsprechend ihrer Versorgungsstufe zugeteilt wird. Im Zentrum eines solchen Netzwerkes steht dann idealerweise ein Universitätsklinikum als Koordinator.

Die Universitätsklinika haben in der Corona-Pandemie bewiesen, dass sie für die Koordination und Steuerung des Versorgungsgeschehens in einer Region prädestiniert sind. Für die Vernetzung brauchen wir auch die Digitalisierung. Denn so kann die Expertise aus universitären Zentren in die Peripherie gelangen. Die Neuausrichtung der Versorgungsstrukturen und die damit einhergehenden Investitionsmittel werden die Länder alleine nicht aufbringen können. Der Bund muss – wie bereits beim Krankenhauszukunftsfonds – die Länder hierbei gezielt unterstützen. Ein weiteres, seit Jahren bekanntes Manko besteht in der Betriebskostenfinanzierung über das DRG-System.

Die besondere Rolle der Universitätsklinika und die damit verbundenen Vorhaltungen wie z. B. eine umfassende Notfallversorgung, Medizinische Zentren, Fächer wie Virologie und Epidemiologie, werden im DRG-System nicht ausreichend finanziert. Wir benötigen eine Weiterentwicklung des DRG-Systems, welches verstärkt nach Versorgungsstufen differenziert wird und so die besonderen Vorhaltungen besser abdeckt.

Alle drei Aspekte – Neuausrichtung der Versorgungsstrukturen, zusätzliche Investitionsfinanzierung durch den Bund und Weiterentwicklung des DRG-Systems auf Basis der Versorgungsstufen – sind auch wichtige Voraussetzungen, damit die Vorteile der Digitalisierung bei den Patientinnen und ­Patienten ankommen. Nur so können Modellprojekte wie das „Virtuelle Krankenhaus NRW“ flächendeckend umgesetzt werden.

Ist die Digitalisierung derzeit eher noch ein Kostenfaktor?

Bussmann: Die Digitalisierung ist eines der zentralen Themen der Universitätsklinika. Ihre Umsetzung ist ein wesentlicher Baustein für eine zukunftsfeste Patientenversorgung. Die Universitätsklinika haben deshalb in den letzten Jahren bereits erheblich in die Digitalisierung ihrer Häuser investiert. Dafür müssen sie selber IT-Expertise aufbauen und konkurrieren bei der Gewinnung von entsprechenden Fachkräften mit anderen Branchen.

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Die damit verbundenen Herausforderungen werden nur gelingen, wenn wir nicht wie bisher eine unzureichende Finanzierung nach dem „Gießkannenprinzip“ haben, sondern wenn wir die zuvor bereits genannten notwendigen Reformen bei der Neuausrichtung der Versorgungsstrukturen, der auskömmlichen Investitionsfinanzierung mit Unterstützung des Bundes und der Weiterentwicklung des DRG-Systems angehen.

Wir brauchen digitale Lösungen als Antwort auf den demografischen Wandel. Wichtig sind hier weitere Impulse, wie das Krankenhauszukunftsgesetz, das umfangreiche Investitionen in die Digitalisierung der Krankenhäuser angestoßen hat. Mit dem Gesetz werden moderne Notfallkapazitäten, eine bessere digitale Infrastruktur, IT- und Cybersicherheit sowie regionale Versorgungsstrukturen durch umfassende Investitionen unterstützt. Alles Aspekte, die für die Universitätsmedizin von großer Bedeutung sind.

Jens Bussmann
Jens Bussmann
(© VUD)

In welchen Bereichen können mit zunehmender Digitalisierung Kosten eingespart werden?

Bussmann: Kosteneinsparungen sollten auf Grund der vor uns stehenden Herausforderungen durch den demografischen Wandel und dem damit einhergehenden Fachkräftemangel in der Medizin erst einmal nicht der primäre Fokus sein. Digitalisierung wird ein wesentlicher Faktor für die Gewährleistung einer qualitativ hochwertigen und bedarfsgerechten Patientenversorgung. Wir sehen die Digitalisierung daher als Hebel, die Patientensicherheit weiter zu verbessern und die Versorgung effizienter zu gestalten. Sie wird auch einen Beitrag leisten, interne Arbeitsabläufe effizienter gestaltet zu können. Ein sehr eingeschränkter Blick auf kurzfristige Kosteneinsparungen wird aber dem Potenzial, welches die Digitalisierung für die Gesundheitsversorgung insgesamt hat, sicherlich nicht gerecht.

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