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Medizinische Universität Graz Besser behandeln und forschen: Austausch von Gesundheitsdaten

| Redakteur: Julia Engelke

Sie bringen eine Flut an Daten und somit potenziell eine enorme Menge an Wissen mit sich: medizintechnische Geräte in Praxen und Kliniken sowie Wearables – Technik, die wir vermehrt am Körper tragen. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit wir die Potenziale für bessere Ergebnisse in Behandlung und Forschung ausschöpfen können?

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Daten aus medizintechnischen Geräten und Wearables: So wird aus der Informationsflut die erhoffte große Menge an Wissen.
Daten aus medizintechnischen Geräten und Wearables: So wird aus der Informationsflut die erhoffte große Menge an Wissen.
(© greenbutterfly - stock.adobe.com)

Prof. Julia Mader forscht an der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie der Medizinischen Universität Graz.
Prof. Julia Mader forscht an der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie der Medizinischen Universität Graz.
(Bild: Privat)

Prof. Dr. Julia Mader beschreibt die Bedingungen für die Generierung, den Austausch und die Nutzung dieser Daten. Als Assoziierte Professorin und Privat-Dozentin arbeitet sie in der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie an der Medizinischen Universität Graz.

Frau Prof. Dr. Mader, wo stehen wir heute in Österreich, Schweiz und Deutschland bei der Generierung, Kommunikation und Nutzung digitaler Gesundheitsdaten, die von Medizintechnik und Wearables generiert werden?

Die Nutzung digitaler Daten aus der Medizintechnik und aus Wearables hat in den letzten Jahren zugenommen. Bei Wearables muss man jedoch deutlich zwischen zertifizierten Medizinprodukten und Lifestyle-Anwendungen differenzieren. Erstere sind klinisch geprüft und liefern valide Daten, bei zweiteren muss dies nicht zwangsläufig der Fall sein. Insbesondere die Nutzung von Wearables aus dem Lifestyle-Bereich hat stark zugenommen. Sie werden vor allem zur Überwachung der körperlichen Aktivität, des Erreichens von Fitnesszielen aber auch für Ruhephasen (Kalorienverbrauch, Schrittziele, Schlafdauer und Schlafqualität) genutzt. Diese Daten verwenden die Anwender meist selbst, um den eigenen Fortschritt zu überprüfen. Natürlich kann man derartige Wearables wie Activity Tracker auch im Rahmen klinischer Studien anwenden -allerdings im Wissen, dass es sich um keine validierten Produkte handelt. Wenn beispielsweise die Herzaktion detailliert überwacht werden soll, greift man natürlich auf validierte Produkte zurück.

Im Bereich der Diabetologie nutzen wir die am Smartphone und im weiteren in der Cloud erfassten Sensor-Glukosedaten der Patientinnen und Patienten, um während ambulanter oder – vor allem seit dem Coronavirus-Ausbruch stark im Kommen – telemedizinischer Visiten Therapieanpassungen vorzunehmen und die Güte der Diabeteseinstellung zu überprüfen. Je nach Patientenwunsch können die Daten mit der Familie, mit Freunden oder dem medizinischen Betreuerteam geteilt werden. Vor allem Familie und Freunde können dadurch bei akuten Gefahrensituationen (etwa Hypoglykämie) entsprechend reagieren. Auch können durch derartige Lösungen Eltern ihre Kinder im Diabetesmanagement in Abwesenheit (z. B. in der Schule, im Kindergarten) unterstützen.

Welche Potenziale erscheinen Ihnen wichtig / zu welchen Indikationen?

Bisher werden Wearables vor allem zum Monitoring und zur Therapieüberwachung bzw. gelegentlich auch zur Diagnostik eingesetzt. Man denke dabei an Glukosewerte bei Diabetes oder Herzfrequenz und Herzrhythmus bei unklaren Rhythmusereignissen. Natürlich könnten mit anderen Sensoren auch Elektrolytwerte – beispielsweise bei Dialysepatienten Kaliumwerte – überwacht werden. In der Therapie ließen sich beispielsweise Drucksensoren bei Personen mit Frakturen oder diabetischem Fußsyndrom einsetzen, um eine optimale Druckbe- und entlastung zu erreichen. Auch in der Forschung haben Wearables wie Glukosesensoren, Aktivitätstracker und EKGs an Bedeutung gewonnen. Sie bieten einen guten Einblick in die körperlichen Funktionen der Studienteilnehmer und können im Gegensatz zu sonst nur punktuellen Aufzeichnungen bzw. Erhebungen im Rahmen der Studienvisite langfristige Daten aus dem normalen Leben der Studienteilnehmer liefern.

Welche Zielgruppen können bzw. könnten profitieren – mit welchen konkreten Benefits?

Aus meiner Sicht profitieren Leistungserbringer, Patienten und Kostenträger, wenn Wearables sinnvoll angewandt werden. Patienten erhalten Vorteile durch eine bessere Überwachung ihres Gesundheitszustandes, die rasche Handlungen erlaubt, wenn diese notwendig sind. Bei chronischen Krankheiten können durch die Verwendung von Wearables die Prognose verbessert und – wenn man das Beispiel Diabetes heranzieht – akute und chronische Komplikationen vermieden werden. Im Fall akuter Entgleisungen können beispielsweise durch das Betreuerteam akute Therapieempfehlungen an den Patienten übermittelt werden. Durch eine langfristig bessere Einstellung ließen sich Spätfolgen des Diabetes wie Nephropathie, Retinopathie und Neuropathie verhindern.

Die Kostenträger müssten kurzfristig in zusätzliche Kosten investieren – in die Finanzierung der Devices, der Ausstattung von Krankenhäusern/Kassenpraxen, in die Vergütung der erbrachten Leistung. Allerdings profitieren auch die Kostenträger langfristig von Wearables und Telemedizin: Wenn wir abermals das Beispiel Diabetes heranziehen, können beispielsweise die Kosten für akute Hospitalisierungen durch Blutzuckerentgleisungen reduziert werden, die Patienten müssen nicht in Krankenstand gehen und können ihrer Arbeit nachgehen. Ebenso verhält es sich mit der Vermeidung von Langzeitschäden: die Behandlung dieser Langzeitschäden würde Kosten verursachen (Dialyse, Amputation, Versorgung mit speziellen Schuhen oder Prothesen), welche durch besseres Erreichen von Therapiezielen vermieden werden können. Durch Telemedizin können auch Kosten bei Personen, die Transportdienstleistungen für Arzt- bzw. Ambulanzbesuche benötigen, eingespart werden.

Was sind die Voraussetzungen für einen Informationsfluss ohne Hürden?

Informationsfluss ohne Hürden ist essentiell, damit Medizintechnologie und Wearables sinnvoll und einfach genutzt werden können. Dabei ist neben international einheitlichen Standards und Schnittstellen auch die Zugänglichkeit von Systemen von großer Bedeutung. In den letzten Jahren hat sich leider ein Trend entwickelt, bei dem jeder Hersteller ausschließlich seine eigene Plattform für jeweils seine Geräte nutzen lassen möchte. Somit müssten wir für jeden Hersteller eigene Systeme installieren. Noch vor einigen Jahren ermöglichten in der Diabetologie die meisten Geräte-Hersteller Betreibern von Datenplattformen wie Diasend oder DiaBass problemlos Zugang zu den Daten. Dies ist nun nicht mehr der Fall. Für Kliniken ist es daher eine große Herausforderung, Zugang zu den Daten zu bekommen, da in vielen Fällen die IT-Abteilung und/oder die Rechtsabteilung Bedenken haben und nicht verschiedenste Softwarelösungen installiert werden können.

Was sind positive Beispiele für eine Umsetzung?

Ein erstes gutes Beispiel aus dem Bereich der Diabetologie ist das Diabetes-Ökosystem von Roche in Kooperation mit Accenture. Dabei soll die Diabetesversorgung revolutionär neugestaltet werden. Die neue Plattform ermöglicht die Zusammenführung sämtlicher bereits existierender und zukünftiger Produkte, Anwendungen und Dienstleistungen. Damit soll ein vernetztes Diabetesmanagement unter Einbindung von Menschen mit Diabetes, dem Gesundheitspersonal und Anbietern von Gesundheitsleistungen gelingen. Daten werden in einer sicheren Umgebung gesammelt, analysiert und für die Entwicklung von Therapieansätzen herangezogen.

Wo sehen Sie Erfolgskriterien für solche Ökosysteme?

Die Nutzung derartiger Ökosysteme ist sicher an die Offenheit für diverse Wearables/Anbieter gebunden. Zumindest für ein Krankheitsbild relevante Daten – im Diabetesbereich Glukosewerte, Tagebuchaufzeichnungen wie Kohlenhydrate, körperliche Aktivität und Insulindosen – sollten problemlos einfließen. Wünschenswert wäre auch eine Kommunikation bzw. Integration in die elektronische Patientenakte. Für Krankenhäuer aber auch Ärzte im niedergelassenen Bereich ist es ein großer Ressourcen-Aufwand – sowohl technisch, zeitlich als auch finanziell –, verschiedene Softwaresysteme nutzen zu müssen. Auch für Patienten sollte sich am anderen Ende der Datensammlung ein möglichst einfach zu bedienendes und einheitliches System befinden, wo relevante Daten zusammenfließen. Wenn Patienten dann den medizinischen Mehrwert erkennen, wird die Akzeptanz für ein derartiges System steigen.

Wie lassen sich Akteure im Gesundheitswesen zu mehr Aktivität in diesem Zusammenhang motivieren?

Seitens der jeweiligen nationalen Gesundheitsbehörden und Gesundheitsdienstleister sollte es – in enger Zusammenarbeit mit Patientenorganisationen – eine Forderung an die Hersteller zu Interoperabilität geben. Es ergibt keinen Sinn, für jede einzelne Technologie eine eigene Softwarelösung zu benötigen. Ähnlich wie in den USA, wo dies bereits durch Zertifikate des ONC gegeben ist, sollte hier auch die EU einheitliche Lösungen fordern und Anbieter, welche diese umsetzen, unterstützen. Interoperable Systeme werden in Zukunft eine wesentliche Rolle in der Gesundheitsversorgung spielen.

Wo sehen Sie Potenziale für neue Geschäftsmodelle?

Es gibt mittlerweile Initiativen mit der Zielsetzung, Online-Gesundheitsdaten zu spenden. Dies ist sowohl für die gesunde Bevölkerung als auch für Menschen mit spezifischen Erkrankungen möglich. Je Anbieter bzw. Datensammler werden die anonymisierten Daten dann an Dritte weitervermittelt – beispielsweise an universitäre Forschungseinrichtungen aber auch die pharmazeutische Industrie.

Prinzipiell finde ich die Idee der Datensammlung gut, allerdings muss dabei auch die Datenschutzgrundverordnung berücksichtigt und gegebenenfalls eine Löschung der Daten vorgenommen werden. Gut finde ich das Teilen der Daten mit der akademischen Forschung. Problematisch sehe ich es aber, wenn Personen ihre Gesundheitsdaten gratis zur Verfügung stellen, die Daten jedoch von den Anbietern an die Pharmaindustrie verkauft werden. Dies sollte besser geregelt werden. Wenn Daten verkauft werden, sollte der Datenspender dies zumindest wissen und eigentlich auch eine finanzielle Entschädigung wie bei der Teilnahme an einer klinischen Studie durch die Pharmaindustrie erhalten. Zu bedenken ist auch, dass wir viele unserer Daten ungefragt mit Softwareriesen wie Google, Facebook und ähnlichen teilen. Aktuell ein gutes Beispiel ist die Datensammlung von Google während der Covid-19-Pandemie: Dabei wurden beispielsweise Mobilitätsdaten einzelner Regionen/Länder erfasst. Auch werden mit Google Cloud Public Datasets Covid-19-Daten analysiert und auch für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt.

Haben Sie eine zukunftsweisende Handlungsempfehlung?

Die wichtigsten Aspekte, die es bei der Nutzung von Wearables zu beachten gilt, sind folgende: Datenschutz auf Seiten der Anwender, eine sichere Rechtsgrundlage für die Nutzung durch das Betreuerteam, bei Nutzung von Telemedizin eine entsprechende finanzielle Abgeltung des medizinischen Personals, Interoperabilität von Geräten und Ausleseplattformen, die Nutzung validierter und strukturierter Tools zur Dateninterpretation und die Validität der durch Wearables gewonnenen Daten selbst.

Das Interview führte Michael Reiter, Fachjournalist.

Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal Devicemed.

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