Medizinische Roboter und robotische Assistenzsysteme Aus der Industrie an den OP-Tisch

Von Natalie Ziebolz

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Roboter sind in der Medizin angekommen. Sie sind kleiner, flexibler, präziser. Das ist nicht nur für den Patienten von Vorteil, sondern auch für die Krankenhäuser – vorausgesetzt, sie können die Technologie finanzieren.

Wird der Mensch künftig noch im OP benötigt?
Wird der Mensch künftig noch im OP benötigt?
(© phonlamaiphoto – stock.adobe.com)

Die Geschichte der Robotik im Operationssaal ist noch gar nicht so alt: 1985 fand die erste Roboter-OP im kalifornischen Long Beach statt – damals noch mit einem Industrieroboter. Der zuständige Chirurg lenkte dabei den Arm des Roboters mithilfe eines Computertomographen zum Schädel des Patienten, um Gehirngewebe zu entnehmen. In den folgenden Jahren teilte sich das Feld in weitestgehend autonom operierende Roboter – wie den Probot des Londoner Imperial College oder den Robodoc von Integrated Surgical Systems – und Manipulatoren mit direkter menschlicher Steuerung. Der bekannteste Vertreter ist hier wohl „da Vinci“, 1995 von der Firma Intuitive Surgical zur Marktreife gebracht.

2003 erlitt die Branche allerdings einen Rückschlag. Bei zahlreichen Patienten ging die Robodoc-OP schief, sie erlitten dauerhafte Schäden. Der Grund: Der Roboter erhielt hierzulande eine Zulassung, obwohl nicht ausreichen wissenschaftliche Daten vorlagen. Dr. Peter Schräder, Medizinischer Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen e.V, erklärte damals, dass sich die Methode eigentlich noch im Stadium der klinischen Erprobung befände.

Seitdem hat sich einiges getan in puncto medizinischer Robotik, und die mechanischen Assistenten haben sich mittlerweile in den Operationssälen etabliert – oder?

Sicher, präzise und doch nur selten angewandt

Laut einer Umfrage von Bitkom und Hartmannbund greifen aktuell 19 Prozent der Krankenhäuser bei OPs und Eingriffen auf Roboter-Unterstützung zurück. 25 Prozent nutzen die Technologie zwar noch nicht, halten diese aber für sinnvoll. „Aktuell werden in Deutschland rund acht bis zehn Prozent der Eingriffe robotisch durchgeführt – wohlwollend geschätzt – und auch das nur in Kliniken, die Roboter haben“, erklärte Prof. Dr. Dirk Wilhelm, Oberarzt der Viszeralchirurgie und Leiter des Robotikzentrum am Klinikum Rechts der Isar der Technischen Universität München, beim MedtecSUMMIT zum Thema „Assistiert er noch oder operiert er schon – Klinische Robotik: Die Ärzte der Zukunft?“.

Die Vorteile von Roboter-assistierten Operationen liegen allerdings klar auf der Hand: Die Beweglichkeit der Instrumente, stationäre Aufenthalte werden im Schnitt um fünf Tage pro Patient reduziert, und Wundheilungsstörungen kommen nahezu nicht mehr vor. Auch perioperative Komplikationen werden reduziert und gleichzeitig der Arbeitsplatz für motivierte und qualifizierte Fachkräfte aufgewertet. So sieht es zumindest Svetoslav Dyakov, Leiter Robotische Urologie, Universitätsklinikum Augsburg. Er kritisiert, dass immer nur auf den hohen Preis der Technologie geachtet werde, aber Aspekte wie die Erweiterung des Leistungsspektrums oder die wegfallenden Kosten durch kürzere Aufenthalte nicht gesehen würden. „Wir wissen alle, was ein Tag im Krankenhaus kostet. Das sind enorme Kosten, die man dann wieder spart“, so Dyakov.

Und auch wenn der Fall Robodoc anderes vermuten lässt, die Systeme sind heute sicher: „Berichte über Komplikationen, über Zwischenfälle, die mit Operations­systemen der Art passieren, existieren quasi nicht und sind eine absolute Ausnahme“, so Wilhelm. Vorausgesetzt natürlich, die Ärzte seien im Umgang mit der Technologie trainiert.

Digital Natives im Vorteil?

Für dieses Training kommen Simulatoren zum Einsatz, die eine umfassende Auswertung der Operationen zulassen. Mit diesen Daten können die Ärzte dann gezielt Performance, Ergonomie und Interventionen verbessern. Feldstudien hätten zudem gezeigt, dass sich robotische Eingriffe wesentlich leichter und schneller erlernen ließen als beispielsweise die minimalinvasive Chirurgie, erklärt Wilhelm.

Laut Dyakov habe dies auch Einfluss auf die Ausbildung der Zukunft. Es werde dann nicht mehr strikt nach dem OP-Katalog und damit der Anzahl an Eingriffen gehen, junge Chirurgen würden stattdessen solange an Simulatoren üben, bis sie bereit seien, Menschen zu operieren. „Was ganz wichtig ist, und ich glaube, das sollten wir hier, mit Blick auf die Robotik, diskutieren, dass man auch die Assistenten dort abholt, wo sie gut sind“, ergänzt Wilhelm – etwa im Umgang mit Technik und der Steuerung dieser. „Wir müssen lernen, spezifisch auf die Eignungen Systeme oder Prozesse zu entwickeln, die tatsächlich ein optimales Endergebnis bringen.“

Auf der nächsten Seite: Einsatzgebiete von OP-Robotern und deren Finanzierung.

Am Ende müsse dem Patienten geholfen sein, ob das mithilfe einer offenen OP oder eines minimalinvasiv-robotischen Eingriffs passiere, spiele keine Rolle. „Wir sind hier tatsächlich gezwungen, neue Wege zu beschreiten, und Robotik wird dabei eine extrem große Bedeutung haben. Nicht nur, weil sie andere Möglichkeiten bietet, sondern weil sie den Eignungen der digitalen Generation, die jetzt nachkommt, wesentlich besser liegt.“

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Dafür müsse sich jedoch die Technologie weiterentwickeln. „Wir setzen robotische Systeme bei den Highend-Eingriffen ein, weil die Kosten, der Aufwand, einfach die gesamte Prozedur so viel komplexer ist. Da müssen wir ansetzen. Wir müssen Systeme entwickeln, die viel früher im Ausbildungsstatus, bei einfachen Operationen und Interventionen, eingesetzt werden können“, so Wilhelm.

Den Menschen perfekt ergänzen

Von autonomen Robotern ist noch nicht die Rede. Experten gehen davon aus, dass wir lediglich 15 Prozent einer Prozedur beschreiben beziehungsweise begreifen und damit autonom machen können, erklärt Wilhelm. Stattdessen müssten Teilprozesse identifiziert werden, die von den Systemen besser durchgeführt werden können, um dann entsprechende Anwendungen – sei es autonom oder remote-gesteuert – zu entwickeln.

Das gilt auch für die Pflege: In Umfragen habe sich gezeigt, dass es auch hier nur wenige Bereiche gebe, in denen Roboter zum Einsatz kommen können, da ein Haupt­aspekt der Pflege die soziale Interaktion sei. „Auch da müssen wir umdenken, wie wir die Prozesse, die wir derzeit durchführen, intelligent robotisch umsetzen.“ Dafür bedarf es allerdings der Zusammenarbeit aller Beteiligten – von der Forschung über Ärzte und Pflegekräfte hin zu den Herstellern.

Bei einigen Indikationen hat sich die Technologie dennoch bereits durchgesetzt. „Indikationen, die für Roboter-basierte beziehungsweise Roboter-assistierte Operationen in Frage kommen, befinden sich etwa im Gehirn, in Gefäßen, in der Orthopädie – Knie- oder Hüftgelenk – und in der Weichteilchirurgie“, so Dr. Joachim Haes, Director Government Affairs Germany and Central Europe, Intuitive Surgical.

Finanzierung: Der Einzelfall entscheidet

Dann ist da natürlich noch das leidige Thema Geld. „Die Ressourcen sind knapp. Ich will jetzt nicht das übliche Jammern anfangen, aber die Situation ist tatsächlich im Moment so dramatisch, wie ich sie noch nie erlebt habe“, bringt Haes die Lage auf den Punkt. Man könne aufgrund des Finanzierungssystems die steigenden Kosten nicht umlegen, weshalb die Häuser nicht nur bei den Betriebs- sondern auch bei den Investitionskosten vor großen Herausforderungen stünden.

Das Finanzierungssystem ist dual gestaltet. Einerseits sind da die Betriebskosten, die über die Krankenkassen nach einheitlichen Fallpauschalen (DRG) erstattet werden – egal, ob offener, laparoskopischer oder Roboter-assistierter Eingriff, erklärt Haes und wirft die Frage auf, wo hier der Anreiz für Innovationen bleibe. „Kostenmäßig werden Roboter nie mit Tupfer und Schere mithalten.“

Die Innovationsfinanzierung läuft hingegen über die Bundesländer. „Zum einen bekommen die Krankenhäuser bei großen Baumaß­nahmen wie dem Neubau des OP-Bereichs auch die Mittel, um diesen zeitgemäß auszustatten“, erklärt Alexander Kraemer, Leiter Referat 23, Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege. Ob dazu auch Roboter zählen, hänge vom Leistungsspektrum ab: „Der Einzelfall entscheidet.“

Darüber hinaus stünden den Krankenhäusern noch Pauschalmittel zur Verfügung, die ihnen einmal im Jahr zugewiesen werden. „Diese Summe können sie eigenverantwortlich für die Dinge ausgeben, die sie brauchen.“ Roboter haben hier jedoch meist keine Priorität.

Doch auch über Stiftungen oder den Krankenhauszukunftsfonds lassen sich entsprechende Systeme finanzieren. Wobei es bei Letzterem eine Hürde gibt: OP-Roboter und robotische Assistenzsysteme würden zwar einen eigenen Fördertatbestand darstellen, jedoch seien andere Fördertatbestände sanktionsbewehrt, erklärt Andreas Diehm, Stellv. Geschäftsführer und Leiter Planung und Investition, Bayerische Krankenhausgesellschaft. Den Häusern drohe 2025 ein Budgetabzug, wenn sie diese Punkte nicht auch erfüllen. Dadurch würden die Prioritäten der Kliniken allerdings in andere Bereiche gelenkt.

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