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Kommentar Aufräumen nicht vergessen!

| Autor / Redakteur: Karsten Glied* / Julia Mutzbauer

Der Healthcare-Bereich hat in den letzten Wochen einen wahnsinnigen digitalen Entwicklungsschub gemacht, der unter normalen Bedingungen vermutlich mehrere Jahre und viel Überzeugungsarbeit in Anspruch genommen hätte. Das ist positiv, darauf dürfen wir uns aber jetzt nicht ausruhen. Denn nur mit einzelnen neuen Strukturen ist es nicht getan. Ein Kommentar von Karsten Glied.

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Karsten Glied
Karsten Glied
(© Techniklotsen )

Die Corona-Krise hat uns dazu gezwungen, in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft an vielen Stellen provisorisch zu digitalisieren. Basierend auf der Infrastruktur, die zu dem Zeitpunkt zur Verfügung stand, mussten wir sie, so gut es irgendwie ging, nutzen und innerhalb kürzester Zeit neue Services und Anwendungen sprichwörtlich aus dem Boden stampfen.

Es mussten zum Beispiel Chat- und Video-Tools gefunden werden, die das Arbeiten in dezentralen Teams möglich machen. In anderen Branchen ist das mitunter schon länger üblich, im Gesundheitsbereich leider nicht. Auch Beratungsleistungen mussten plötzlich digital abgebildet werden, weil es für sie zuvor keinen Bedarf und folglich auch keine Lösungen gab.

Vorgänge oder Anwendungen, die in anderen Branchen schon lange üblich sind, mussten kurzfristig adaptiert werden. Dafür war große Eile angesagt. Einerseits natürlich, weil eine Krise in dem Maße, wie wir sie gerade erleben, nicht vorherzusehen war und wir plötzlich mit neuen Anforderungen konfrontiert waren. Andererseits, weil die Healthcare Branche sich in den letzten Jahren zu lange mit dem Status quo zufrieden gegeben hat – egal ob aus Ressourcen-, Zeit- oder Interessenmangel – und nun also wenig digitale Strukturen hatte, auf die man zurückgreifen konnte.

Die Gesundheitsbranche musste also sehr schnell handeln. Da ist es nicht verwunderlich und auch nicht verwerflich, dass aufgrund der Krisensituation die Sicherung des laufenden Betriebes oberste Priorität hatte. Datenschutz und IT-Sicherheit rückten etwas in den Hintergrund, die entsprechenden Verantwortlichen haben ein Auge zugedrückt und erlaubt, dass auch nicht immer absolut sichere oder datenschutzkonforme Systeme genutzt wurden.

Doch darin liegt trotz allem Verständnis für die besondere Situation auch immer noch eine Gefahr: Wichtige Geschäftsdaten, beispielsweise bei der Rechnungsabwicklung, dürfen nicht einfach ohne Verschlüsselung verschickt oder gespeichert werden. Und auch sensible Patientendaten müssen unter allen Umständen sicher sein. Wenn für die Arbeit nun weiterhin private Rechner genutzt werden, die weder über Verschlüsselungen noch über eine aktuelle Firewall verfügen, dann laufen wir sehenden Auges auf ein großes Problem zu.

Was können Träger von Kliniken, Gesundheits- oder Sozialeinrichtungen in puncto Sicherheit tun?

Ich appelliere deshalb daran, so schnell es geht die neuen Services mit den geltenden Datenschutz- und IT-Sicherheitsvorgaben abzugleichen und jetzt das „Aufräumen“ nicht zu vergessen. Wer jetzt zu lange im Krisenmodus verharrt und die Augen vor potenziellen Gefahren verschließt, der schadet sich selbst und den Patienten.

Aufräumen meine ich hier übrigens im tatsächlichen Wortsinn. Ich bin sicher, dass Daten durch das Arbeiten in dezentralen Teams aktuell ungeordnet, unsystematisch oder sogar auf lokalen (privaten) Festplatten gespeichert sind. Das ist nicht nur hinderlich, sondern illegal. Verantwortliche sollten ihre Teams deshalb dazu aufrufen, sich die Zeit zu nehmen und Daten auf die dafür vorgesehenen Server zu verschieben. Zusätzlich empfiehlt es sich, die Gelegenheit zu nutzen und Sicherheits-Schulungen anzubieten.

Auch wenn persönliche Treffen nicht möglich sind, so sind Videokonferenzen oder aufgezeichnete Video-Botschaften ein guter Weg, um alle Mitarbeiter*innen noch einmal an die jeweils geltenden Datenschutzrichtlinien zu erinnern. Grundlage dafür können die zahlreichen Handreichungen sein, die Verbände wie beispielsweise der FINSOZ e.V. oder Stifter Helfen zumeist kostenfrei anbieten.

Aufräumen bedeutet ebenso, dass die neuen Strukturen, die während der Krise provisorisch geschaffen wurden, jetzt dringend einer Revision unterzogen werden sollten. Es geht zum Beispiel darum, welche Tools genutzt wurden und wie erfolgreich sie waren. An welchen Stellen wurden Ausweichlösungen genutzt, für die jetzt sicherere Alternativen notwendig sind und welche Tools haben sich nicht etabliert? Diese Tools sollte man dann im Sinne einer schlanken Organisation auch wieder löschen. Nun ist wieder etwas mehr Zeit, um die richtigen Tools auszusuchen, sich gegebenenfalls auch mit anderen Einrichtungen auszutauschen und dann durchdachte Entscheidungen zu treffen.

Und schließlich bedeutet Aufräumen auch, dass sofern noch nicht geschehen, die Arbeit an einem digitalen Zielbild beginnen sollte. Bisher war die Digitalisierung im Healthcare-Bereich ein oft abstraktes Projekt, für dessen Umsetzung es zuerst Fantasie und dann Geld brauchte. Jetzt sind die Anwendungsszenarien klarer, die Potenziale klar ersichtlich. Ein digitales Zielbild ist natürlich nicht das Allheilmittel, das jede Einrichtung krisenfest macht. Es kann aber eine Grundlage schaffen, auf Basis der die Einrichtungen schnellere Entscheidungen treffen können.

Wenn die Rahmenbedingungen definiert sind, dann können einzelne Lösungen im Krisenfall schnell skaliert und andere Anwendungen schnell implementiert werden. Sicherheitslücken, die durch das Zusammenspiel von hohem Zeitdruck und einer unübersichtlichen Lage entstehen können, werden so vorgebeugt. Sollte eine Einrichtung wieder in der Situation sein, schnell auf ein unvorhergesehenes Ereignis reagieren zu müssen, dann sind die Optionen schon klar und Entscheidungen können schneller getroffen werden.

*Der Autor Karsten Glied ist Geschäftsführer der Techniklotsen.

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