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Pandemie-Politik 100 Tage Corona-Warn-App: „Bitte runterladen und nutzen“

| Autor / Redakteur: dpa/dpa-AFX / Ira Zahorsky

Nach 100 Tagen Corona-Warn-App zieht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eine positive Bilanz. Auch SAP und Telekom sind zufrieden und verkünden einen Ausbau der App. Doch es gibt auch Kritik, nicht nur von der Opposition, auch von Ärztevertretern.

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Die Corona-Warn-App wurde bislang rund 18 Millionen Mal heruntergeladen. Effektiv wird sie Schätzungen zufolge von rund 15 Millionen Menschen aktiv genutzt.
Die Corona-Warn-App wurde bislang rund 18 Millionen Mal heruntergeladen. Effektiv wird sie Schätzungen zufolge von rund 15 Millionen Menschen aktiv genutzt.
(Bild: Bundesregierung)

In Europa steigen die Corona-Infektionszahlen wieder. Im Kampf gegen das Virus sollen in Deutschland auch strengere Kontrollen der Maskenpflicht in Bus und Bahn und eine Smartphone-Anwendung helfen. Bei der Nutzung gibt es aber noch Luft nach oben. Die Bundesregierung ruft alle Bürger dazu auf, wegen steigender Infektionsrisiken im Herbst und Winter die neue Corona-Warn-App stärker einzusetzen. „Bitte nutzen Sie dieses Werkzeug in der Pandemie“, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Dazu gehöre, bei einem positiven Test auch seine Kontakte über die Smartphone-Anwendung zu informieren – bisher passiere das nur in der Hälfte der Fälle.

Spahn sagte bei einer Zwischenbilanz 100 Tage nach dem Start der Corona-App, bisher hätten fast 5.000 Nutzer eigene Kontakte damit gewarnt. Bei je zehn bis 20 Kontakten seien so Zigtausende Menschen informiert worden. Braun nannte die im Auftrag des Bundes entwickelte Anwendung eine „große Erfolgsgeschichte“. Mit rund 18 Millionen Downloads sei sie öfter heruntergeladen worden als alle anderen Corona-Apps in Europa. 400.000 Mal wurde sie in ausländischen Stores heruntergeladen, um sie in Deutschland nutzen zu können.

Spahn betonte, die App sei „kein Allheilmittel“. Sie ergänze die Arbeit von Gesundheitsämtern und Gesundheitswesen. Es komme zudem weiter auf Abstand, Hygieneregeln und Alltagsmasken an.

Die Corona-Warn-App kann messen, ob sich Handynutzer über eine längere Zeit näher als etwa zwei Meter gekommen sind. Ist ein Nutzer positiv getestet worden und hat dies in der App geteilt, meldet sie anderen Anwendern, dass sie sich in der Nähe eines Infizierten aufgehalten haben. Dann kann man sich auf Kassenkosten testen lassen.

Um die Ausbreitung des Coronavirus auch in Bus und Bahn zu verhindern, soll die Maskenpflicht stärker kontrolliert werden. Von Oktober an soll es regionale, überregionale und bundesweite Schwerpunktkontrollen an bestimmten Tagen geben. Darauf verständigten sich Vertreter von Bund, Ländern und Kommunen sowie Bundespolizei, Verkehrsunternehmen und Gewerkschaften. Je nach Landesrecht sollen die Kontrollen auch auf Bahnhöfe und Haltestellen ausgedehnt werden.

Kanzleramtschef Braun bekräftigte mit Blick auf die generelle Corona-Lage, schon bei den vorigen Gesprächen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten habe man gesagt, dass momentan kein Anlass gegeben sei, über weitere Lockerungen nachzudenken. Er verwies auf eine zunehmende Tendenz der Corona-Infektionszahlen. Auch der Berliner Virologe Christian Drosten warnte, dass die Pandemie nun erst richtig losgehen werde. „Wir müssen, um die Situation in den kommenden Monaten zu beherrschen, Dinge ändern“, sagte er im Vorfeld der im Oktober anstehenden Gesundheitskonferenz World Health Summit. „Die Pandemie wird jetzt erst richtig losgehen. Auch bei uns.“

Die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina sprach sich in einer Stellungnahme für ein einheitlicheres Vorgehen in Deutschland aus. Die Verantwortlichen von Bund und Ländern sollten sich auf bundesweit verbindliche, wirksame und einheitliche Regeln einigen und diese konsequenter als bisher um- und durchsetzen. Ziel müsse es auch bei steigenden Neuinfektionszahlen bleiben, das öffentliche und wirtschaftliche Leben aufrecht zu erhalten und die Schließung von Bildungseinrichtungen zu vermeiden. So hatten sich auch Vertreter von Bund und Ländern zuletzt immer wieder geäußert.

Ärztevertreter halten Corona-Warn-App für wenig wirksam

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie in Deutschland schätzen Ärztevertreter die Wirksamkeit der Warn-App als äußerst gering ein. „Da die Daten der App nicht automatisch an die Gesundheitsämter weitergeleitet werden, ist dieses Instrument in seiner derzeitigen Form für uns keine große Unterstützung bei der schnellen Bekämpfung und Eindämmung von Corona-Ausbrüchen“, sagte die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Ute Teichert, den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Donnerstag). Die App spiele „in der alltäglichen Arbeit der deutschen Gesundheitsämter so gut wie keine Rolle.“

Es komme „äußerst selten vor, dass sich ein App-Nutzer wegen eines entsprechenden Warnhinweises bei uns meldet“, sagte Teichert. Die Politik habe entschieden, „den Datenschutz über den Pandemieschutz zu stellen“. Dies müsse man so akzeptieren.

Aus Teicherts Sicht wäre es hilfreich, wenn die App eine Funktion hätte, mit der die Nutzer eine direkte Weitergabe von Warnhinweisen an das Gesundheitsamt zumindest freiwillig zulassen könnten. Damit würden die zuständigen Behörden „wesentlich schneller über Infektionsfälle informiert und könnten zügig Maßnahmen ergreifen, um einen Corona-Ausbruch einzudämmen. Dies ist ein entscheidender Punkt“, sagte Teichert. Derzeit bleibe es dagegen den App-Nutzern überlassen, ob sie sich nach einem registrierten Kontakt mit einem Infizierten bei den Gesundheitsämtern meldeten. „Ob sie es tatsächlich tun, lässt sich nicht überprüfen“, sagte Teichert.

Opposition sieht noch Mängel

Die Oppositionsparteien im Bundestag haben eine kritische Bilanz zur Corona-Warn-App des Bundes gezogen. „Die Corona-Warn-App bleibt nach den ersten 100 Tagen unter den Erwartungen“, sagte der Grünen-Digitalexperte Dieter Janecek der „Augsburger Allgemeinen“. „Sie ist zwar ein sinnvoller Baustein zur Eindämmung der Pandemie, aber nur herunterladen bringt nichts, wenn die App nicht auch genutzt wird“, betonte der Bundestagsabgeordnete. Vor allem informierten zu wenige Betroffene mithilfe der App ihre Kontakte über einen positiven Corona-Test. Janecek kritisierte technische Schwierigkeiten bei der Warn-Funktion auf Android-Geräten und Aussetzer bei iPhones. „Da ist also noch Luft nach oben“, betonte der Grünen-Politiker.

Achim Kessler, gesundheitspolitischer Sprecher der Linken-Fraktion, sprach von einem „Loblied auf die App“, das die Bundesregierung in ihrer 100-Tage-Bilanz anstimme – dies gehe aber an den Tatsachen vorbei. „Die Download-Zahlen allein sagen über den tatsächlichen Erfolg der App nichts aus.“ Das eigentliche Ziel, die Entlastung der Gesundheitsämter, habe die App verfehlt. „Sie leistet weder einen nennenswerten Beitrag zur Eindämmung, noch zur Aufklärung oder Erhellung des Infektionsgeschehens.“ Bei positivem Testergebnis sei nur die Hälfte der Kontakte informiert worden.

Der digitalpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Manuel Höferlin, erklärte, die App könne „wegen der anhaltenden Untätigkeit der Bundesregierung ihr volles Potenzial leider nicht ausschöpfen“. „Statt sie weiterzuentwickeln, ruht sich die große Koalition darauf aus, dass die App nach dem anfänglichen Planungs- und Kommunikationschaos überhaupt fertig wurde.“ Höferlin bemängelte unter anderem, dass die App erst ab 17 Jahren heruntergeladen werden könne.

SAP und Telekom ergänzen neue Funktionen

Die deutsche Corona-Warn-App wird um neue Funktionen ergänzt und kann künftig auch in zehn weiteren europäischen Ländern eingesetzt werden. Das kündigten die Hersteller der Anwendung, SAP und Deutsche Telekom, an. Die App werde künftig auch Krankheitssymptome abfragen, sagte SAP-Technikchef Jürgen Müller. Die Eingabe sei freiwillig. „Diese Daten werden auch nicht geteilt, sondern nur lokal auf dem Smartphone abgespeichert.“ Die Angabe der Symptome helfe bei der Einschätzung, wie kritisch eine Risikobegegnung gewesen sei.

Telekom-Chef Tim Höttges kündigte eine europäische Erweiterung der App an. „Wir werden in der kommenden Woche die App übergeben, die dann bis zum Oktober in Europa ausgerollt wird.“ Zusätzlich zu Deutschland seien in der ersten Phase dann zehn weitere Länder dabei: Österreich, Tschechien, Dänemark, Estland, Irland, Italien, Lettland, Niederlande, Polen und Spanien. In diesen Ländern kommuniziere die App des Bundes auch mit den jeweiligen nationalen Corona-Warn-Apps. Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) stellte auch in Aussicht, dass die Schweiz in den Verbund aufgenommen werde. Länder wie Frankreich, die technisch eine zentralen Ansatz zur Datenspeicherung gewählt haben, könnten dagegen nicht integriert werden.

Die beiden deutschen Technologie-Konzerne dämpften Hoffnungen, dass Apple und Google ihre Schnittstellen auch für ältere Smartphone-Betriebssysteme zur Verfügung stellen werden. Beim iPhone muss mindestens das Betriebssystem iOS 13.5 installiert sein. Dieses wird für Geräte ab dem iPhone 6s oder dem iPhone SE bereit gestellt. Ältere Modelle, wie das iPhone 5 oder 6, sind nicht mehr kompatibel. Bei Google wird die Schnittstelle in Android über die Google Play Services bereitgestellt, die beispielsweise von neueren Huawei-Smartphones wegen eines US-Embargos gegen den chinesischen Konzern nicht genutzt werden dürfen.

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